Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

292

II.  Teil.  Arbeiterwohlfahrtspolitik.

Arbeitstage  verloren  gegangen.  Rechnet  man  nur  einen  Lohn  von
2  M.  auf  den  Tag,  so  stellt  sich  der  Lohnausfall  allein  bereits  auf
180,4  Mill.  M..  im  Jahr  1893  war  er  62,4  Mill.  M.,  1897:  22,9  Mill.  M.,
1898:  30,6  Mill.  M.  Der  Maschinenbauerstreik  von  1897/98,  der
3lWochen  dauerte,  hat  den  Arbeitern  an  Lohnausfällen,  Unterstützungen
und  Streikgeldern  70—90  Mill.  M.  gekostet.  Welche  beträchtliche
Lohnsteigerung  müßte  erzielt  werden,  um  solche  Verluste  mit  all  den
nachteiligen  Folgen,  die  sich  daraus  für  die  wenig  leistungsfähige  Arbeiterwirtschaft ­
  ergeben,  wirklich  auszugleichen!  Der  Ausgleich  wird
erschwert  dadurch,  daß  die  Unternehmer  hei  längeren  Streitigkeiten
tielfach  einen  Teil  der  bisherigen  Absatzgebiete  verlieren  und  nach
Wiederherstellung  des  Friedens  nicht  gleich  Ersatz  schaffen  können.
Dadurch  vermindert  sich  ihr  Bedarf  an  Arbeitskräften  überhaupt.
Überdies  sind  nicht  selten  die  Stellen  der  ausständigen  Arbeiter  inzwischen ­
  durch  Zuzug  von  auswärts  besetzt.  Während  des  schon  erwähnten ­
  Maschinenbauerstreiks  in  England  1897/98  sind  rund  25  000
Mann  neu  in  dieses  Gewerbe  eingetreten.  Das  bedeutet,  daß  es  den
ausständigen  Arbeitern  vielfach  nicht  gelingt,  ihre  alte  Arbeitsstelle
wieder  zu  erhalten,  daß  sie  aber  auch  oft  anderswo  vergeblich  um
Arbeit  nachsuchen,  weil  die  Verhältnisse  des  Arbeitsmarktes  für  den
betreffenden  Beruf  im  ganzen  durch  den  Eintritt  neuer  Kräfte  verschoben ­
  sind.
Das  sind  zunächst  privatwirtschaftliche  Wirkungen.  Aber  sie
sind  für  die  Volkswirtschaft  von  großer  Bedeutung.  Die  Verschlechterung ­
  der  Lebenshaltung  und  infolgedessen  auch  die  Steigerung  der
Krankfälligkeit  während  der  Arbeitsstreitigkeit  und  die  Verschiebungen
auf  dem  Arbeitsmarkt  und  in  den  Absatzverhältnissen  und  die  ganze
gewaltsame  Unterbrechung  der  Produktion  schlagen  der  Volkswirtschaft ­
  Wunden,  die  oft  nur  mit  großen  Opfern  zu  heilen  sind.  Das
gilt  umsomehr,  als  die  Wirkungen  sich  vielfach  nicht  auf  die  zunächst
beteiligten  Berufe  beschränken,  sondern  auch  viele  andere  und  mitunter ­
  —  z.  B.  bei  einer  längeren  Unterbrechung  der  Kohlengewinnung
oder  des  großen  Verkehrs  —  die  ganze  Volkswirtschaft  in  der  normalen
Entwicklung  stören  und  hindern.  Auch  die  Erregung,  der  Haß,  die
Leidenschaftlichkeit,  die  ein  längerer  Kampf  erzeugt,  die  Verbitterung
des  unterliegenden  Teils,  die  Siegesfreude  des  gewinnenden  Teiles
sind  die  Quelle  ernster  Gefahren  für  die  Volkswirtschaft,  da  sie  die
Unzufriedenheit  der  Massen  mit  der  bestehenden  Ordnung  steigern.
Nach  allem  ist  es  nicht  zu  viel  gesagt,  daß  die  Arbeitsstreitigkeiten
ein  Übel  für  die  Volks-  und  Privatwirtschaft  sind,  und  die  Verantwortung ­
  derer,  die  ohne  die  zwingendsten  Gründe  derartige  Kämpfe
hervorrufen,  ist  ungeheuer  groß.  Trotzdem  wäre  es  verkehrt,  die  Arbeitsstreitigkeiten ­
  überhaupt  zu  verwerfen.  Sie  sind  unter  Umständen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.