Object: Theoretische Sozialökonomie

S Kap. VI. Der Kapitalzins, 
und ist in der Tatsache begründet, daß die Ausnutzung der dauer- 
haften Güter bzw. die Produktion im engeren Sinne Zeit erfordert. In- 
sofern rührt die Nachfrage nach Kapitaldisposition vom Produktions- 
prozeß her, sie stellt eine Nachfrage nach einem Produktionsfaktor 
dar. Es gibt in Wirklichkeit auch eine Nachfrage nach Kapitaldisposi- 
tion für Konsumtionszwecke. Diese Nachfrage, die von Personen aus- 
geht, die ihre Konsumtion über ihr laufendes Einkommen hinaus 
ausdehnen wollen, kann aber am besten als ein negatives Angebot be- 
handelt werden und braucht also nicht in diesem Zusammenhang be- 
rücksichtigt zu werden (vgl. 8 25). Wir können uns also hier auf die 
von der Produktion ausgehende Nachfrage nach Kapitaldisposition 
beschränken und zunächst den Bedarf an Kapitaldisposition für die 
Ausnutzung der dauerhaften Güter ins Auge fassen. Dieser Bedarf 
stammt natürlich in letzter Linie von den unmittelbaren Bedürfnissen 
der Menschen, also teils von der Nachfrage nach den unmittelbaren 
Diensten der dauerhaften Güter, teils von der Nachfrage nach den 
materiellen Produkten, die mit Hilfe von Diensten dauerhafter Güter 
hergestellt werden. Die Aufgabe des Zinses auf diesem Gebiet ist also, 
die Nachfrage nach den Diensten der dauerhaften Güter zu beschränken, 
sei es, daß diese Dienste für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung oder 
für den vorausgehenden Produktionsprozeß in Anspruch genommen 
werden. 
Eine Steigerung des Zinsfußes muß also hervorgerufen werden 
durch eine solche Entwicklung der Nachfrage, die besonders große 
Ansprüche an dauerhafte Güter stellt. Dies hat sich im neunzehnten 
Jahrhundert vollauf bestätigt, da jede Periode eines besonders lebhaften 
Eisenbahnbaues den Zinsfuß stark in die Höhe getrieben hat. Die 
Steigerungen der Zinssätze, die einmal am Ende des neunzehnten 
und zweimal in diesem Jahrhundert vor dem Kriege stattgefunden 
haben, sind wahrscheinlich zu einem bedeutenden Teil auf die starke Ent- 
wicklung der elektrischen Industrie, in letzter Linie auf die Nachfrage 
nach elektrischen Straßenbahnen, elektrischer Beleuchtung, Fernsprech- 
anlagen usw., also nach sehr kostspieligen dauerhaften Gütern zurück- 
zuführen. Bei allen solchen Gelegenheiten ist die wirkliche Knappheit 
der Kapitaldisposition sehr scharf hervorgetreten. Die hierauf be- 
züglichen Bewegungen des Wirtschaftslebens werden wir im letzten 
Buche dieses Werkes näher kennenlernen. 
Die Steigerung des Zinsfußes, über welche die Geschäftsleute sich 
so laut beklagen und welche die Politiker allen möglichen Mißverhält- 
nissen zuschreiben, hat eine ganz bestimmte und sehr wichtige wirt- 
schaftliche Aufgabe zu erfüllen: unter allen den Wünschen, die An- 
sprüche auf Kapitaldisposition stellen, wird mit ihrer Hilfe eine Auslese 
vorgenommen. Nur die wichtigsten können befriedigt werden, es ist not- 
wendig, alle die anderen wenigstens vorläufig auszuschließen. Welches 
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