Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

88  Zweiter  Teil.  Lande!.  III.  Zur  Geschichte  von  Lande!  und  Industrie.

durch  Gründung  von  Steuervereinen  das  Äbel  zu  mildern.  Aber  die  Gebiete  derselben,
auch  in  ihrer  Vereinigung,  waren  zu  klein,  um  dem  Lande!  Luft  zu  verschaffen.  Erst  der
preußische  Zollverein  beseitigte  in  seiner  allmählichen  Ausdehnung  diesen  heillosen  Zustand.
Am  längsten  leistete  ihm  der  norddeutsche  Steuerverein  Widerstand.  Bis  zum  Jahre  1851
bestand  zwischen  Kassel  und  dem  nahegelegenen  hannoverschen  Münden  noch  die
trennende  Zollstätte.  Lind  wenn  wir  Göttinger  Studenten  auf  der  Ferienreise  unsern
Eltern  einige  Göttinger  Würste  mitbrachten,  —  was  für  ein  Gebot  kindlicher  Pietät
gehalten  wurde  —  so  hatten  wir  unsre  liebe  Not,  dieselben  —  was  nicht  minder  für
eine  Menschenpflicht  galt  —  an  der  Grenze  durchzuschmuggeln.
-  Als  einen  Vorzug  der  damaligen  Zeit  kann  man  bezeichnen,  daß  das  Spekulationsfieber ­
  nicht  in  gleicher  Weise  bestand,  wie  es  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  um  sich
gegriffen  hat.  Zwar  konnte  man  auch  damals  schon  in  Staatspapieren  spekulieren.
Lind  das  verderbliche  Mautsystem  drängte  gewissermaßen  darauf  hin,  da  die  Brieftasche ­
  noch  das  einzige  war,  was  der  Untersuchung  und  Aufsicht  der  Steuererheber
nicht  unterworfen  wurde.  Gleichwohl  kam  es  um  jene  Zeit  nicht  vor,  daß  man  von
jemanden  gehört  hätte,  er  habe  durch  Spekulation  sich  zugrunde  gerichtet.  Erst  die
Schaffung  zahlreicher  Aktien,  namentlich  der  Eisenbahnaktien  mit  ihren  schwankenden
Werten,  hat  diese  Krankheit  mehr  und  mehr  verbreitet.  Dagegen  enthalten  die  damaligen ­
  Blätter  ständig  die  Angebote  von  Losen  der  Staatslotterien,  woraus  man
schließen  darf,  daß  die  Spekulation  in  diesen  schon  reichlich  geblüht  habe.  Nirgends
aber  begegnen  wir  um  jene  Zeit  dem  heutzutage  herrschenden  Anfüge,  daß  man  allerorten, ­
  Gott  weiß  für  welche  Zwecke,  „mit  obrigkeitlicher  Erlaubnis"  eine  Lotterie  veranstalten ­
  darf.
Es  fehlten  auch  um  jene  Zeit  die  jetzt  fo  zahlreich  bestehenden  öffentlichen  Anstalten,
bei  denen  man  mühelos  sein  Geld  verzinslich  anlegen  kann.  öffentliche  Sparkassen
waren  erst  eben  im  Entstehen.  Wer  nicht  Staatspapiere  kaufen  wollte,  war  deshalb
genötigt,  sein  Geld  auf  privatem  Wege,  womöglich  gegen  Lypothek,  auszuleihen.  Dazu
boten  zahlreiche  Darlehnsmäkler,  welche  dein  Kapitalisten  die  Schwelle  abliefen,  hilfreiche ­
  Land.
Endlich  fehlten  auch  noch  gänzlich  die  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften,
welche  jetzt  für  die  verschiedensten  Zwecke  so  zahlreich  in  unseren  Städten  bestehen,
und  zu  deren  Schaffung  angeregt  zu  haben,  das  Verdienst  von  Schulze-Delitzsch  ist.
Welchen  mächtigen  Aufschwung  der  Verkehr  heute  im  Innern  unseres  Vaterlandes ­
  genommen  hat,  bedarf  keiner  Ausführung.  Aber  doch  wird  dieser  Aufschwung
noch  überholt  durch  die  Bedeutung,  die  der  deutsche  Lande!  im  Auslande  gewonnen
hat.  Aber  die  ganze  Erde  hat  derselbe  seine  Netze  gespannt.  Nach  allen  Weltteilen
sendet  die  deutsche  Industrie  ihre  Erzeugnisse  und  tritt  mit  den  besten  Kulturvölkern
in  oft  jiegreichen  Wettbewerb.  Allerorten  trifft  man  deutsche  Kaufleute  in  eifrigem
und  rühmlichem  Geschäftsbetriebe.  And  manches,  was  selbst  der  deutschen  Diplomatie
unzugänglich  ist,  erkundet  und  erreicht  heute  der  deutsche  Kaufmann  durch  seine  weithinreichenden ­
  Verbindungen.  Von  alledem  wußte  man  früher  nichts.
            
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