1. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen.
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Einen ebenso schweren Stand wie der Forscher hatte bis in die Mitte des
19. Iahrhunders der einzelne deutsche Unternehmer: er bedurfte eines besonders großen
Wage- und Opfermutes, um die fremdländische Pflanze — als welche in Deutschland
doch die Maschinenindustrie anfänglich erschien — im heimischen Boden fort- und
der schonungslosen Konkurrenz gegenüber zu wirklicher Blüte zu bringen.
Auch heute noch hat der englische Wettbewerb auf Grund der Billigkeit des
heimischen Brennstoffes, der Kolonien, der Seefracht und namentlich des Zinsfußes
einen mächtigen Vorsprung vor unserer Industrie voraus. Aber diese darf im Hinblick
auf die geistigen Kräfte, welche ihr zur Seite stehen, die Zuversicht hegen, daß sie auch
jenen Vorsprung einholen wird.
IV. Die Handelskrisen.
1. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen.
Von Max Wirth.
Wirth, Geschichte der Handelskrisen. <$. Au fl. Frankfurt a. ItT., Z. D. Sauerländer. ,900.
5. ,6-18.
Die Krisen sind einem furchtbaren Gewitter zu vergleichen mit Blitz und Donner
und Wolkenbrüchen, durch das Menschen erschlagen, Vorratsmagazine entzündet,
blühende Gefilde überschwemmt, schreckliche Verluste an Vieh und Früchten herbei
geführt werden, — aber welches im ganzen über die von ihm bestrichene Gegend
einen befruchtenden Regen niedersendet. Angeheuer sind die Vermögensverluste, welche
die Krisen zur Folge haben, zahlreich die vernichteten Anstalten, die ruinierten Existenzen,
von denen nicht wenige von der Verzweiflung bis zum Selbstmorde getrieben werden!
Bis in fast alle Schichten der Bevölkerung werden die Schläge tief empfunden, ■—
und doch muß man sagen: nachdem die Äberspekulation, einem Vollblutrenner mit
dem Gebiß zwischen den Zähnen vergleichbar, alle Warnungen in den Wind schlagend,
einmal durchgegangen und die Katastrophe hereingebrochen ist, muß dieselbe als ein
heilsamer Läutcrungs- und Ausgleichungsprozeß betrachtet werden, welcher das reine
Metall von der Schlacke sondert und die fieberhafte Lage des Marktes in einen
normalen Gesundheitszustand zurückführt.
Die Hunderte von neuen Anternehmungen, welche ihre Gründung weniger dem
reellen Bedürfnis der Produktion als der Gier nach Agiogewinn verdanken, müssen
erst gesiebt und gesichert werden, um die Spreu vom Weizen zu sondern. Vor allen
Dingen aber müssen die Preise wieder ihr normales Gleichgewicht erhalten. Denn
nicht bloß die Kurse der Papiere, sondern auch die Preise der Bauplätze, der
Häuser, die Mieten der Wohnungen pflegen vor Ausbruch einer Krisis auf eine so
anormale Löhe getrieben zu werden, daß dem Familienvater in den zahlreichsten
Schichten der Bevölkerung angst und bange wird und der Glaube an eine dauernde
Entwertung des Geldes allenthalben Platz greift, während man die Hauptursache vor
der Türe — die Äberspekulation — übersieht.
Der in solchen Zeiten eintretenden Entwertung der Papiere auf den Börsen,
welche mit internationaler Solidarität vor sich geht, folgen, wenn auch auf beschränkterem
Gebiete, die Preise der Grundstücke, und die Nachwirkung wird so stark, daß selbst