Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Lande!.  IV.  Landelskriscn.

Nicht  auf  die  Deckung  und  Solvenz  seitens  des  Trassanten,  sondern  nur  auf  die
Provision  sah  man,  als  man  durch  Accepte  in  die  strenge  Wechselzahlungsverbindlichkeit
sich  einließ.  Mit  der  Biegsamkeit  des  kaufmännischen  Sprachgebrauchs  nannte  man
dies  „Gefälligkeitsaccept".  Der  beste  Fall  war  allerdings  der,  wenn  das  Blankoaccept,
die  Annahme  des  Zahlungsversprechens  ohne  reellen  Schuldgrund  und  vorhandene
Deckung,  aus  leichtsinniger  Gefälligkeit  und  in  leichtsinniger  Überschätzung  der  eigenen
Mittel  geschah.  Gefälligkeit  im  Schuldenübernehmen  ist  jedoch  keine  Tugend  des  Landels.
Bon  Lamburger  Läufern  —  man  würde  unrecht  tun,  zu  sagen  von  Lamburg
—  und  ihren  Kommanditen  wurde  der  Wechselmißbrauch  besonders  stark  in  allen  Abstufungen ­
  getrieben.  Äußere  Verhältnisse,  welche  die  Schuld  der  Schuldigen  begreiflicherweise ­
  nicht  aufheben,  geben  hiefür  einen  Erklärungsgrund:  der  von  Lamburg  nach
allen  Teilen  der  Welt  ausstrahlende  Landelsverkehr,  die  bisherige  seit  60  Jahren  allen
Stürmen  trotzende  Solidität  des  Platzes,  die  Abwesenheit  aller  sonstigen  papierenen
Wertzeichen,  die  Abwesenheit  einer  zentralen,  auch  den  Kreditmißbrauch  der  größten
Läufer  zeitig  wahrnehmenden  Kreditanstalt,  die  Basierung  des  Wechselgeldes  auf  die
unabänderlich  gleiche  reine  Silbervaluta  des  Bankogeldes  verliehen  dem  Lamburger
Wechsel  eine  Gesuchtheit,  eine  Amlaufsweite,  einen  ausschließlichen  Spielraum  und  eine
Kontrollosigkeit,  welche  ebenso  die  Verführung  zum  Mißbrauch  als  die  Größe  des
letzteren  erklären.
Überall  beweist  die  Krisis,  daß  der  Wechsel  in  weit  höherem  Grade  als  der
Bankzettel  zur  Fiküon  von  Kapitalien  mißbraucht  worden  ist.  Man  darf  sogar  sagen,
daß  nur  in  Amerika,  wo  vermöge  der  Dezentralisation  des  Bankwesens  und  der  Weite
aller  Verkehrsverhältnisse  der  Zettel  faktisch  die  Rolle  des  reinen  Wechsels  annimmt,
der  Zettel  zur  Kapitalfiktion  mißbraucht  worden  ist.
Zm  Bankwesen  hat  sich  vielmehr  als  das  gefährlichste  Element  das  verzinsliche,
zu  gewagter  Anlage  in  Diskont  und  Darlehen  treibende  Depositum  von  kurzer  Kündigung
erwiesen.  Nicht  als  imaginäres,  sondern  als  höchst  reelles  Kapital  entflieht  es  den
Banken  gerade  in  der  Not,  sobald  der  leiseste  Lauch  des  Mißtrauens  weht.  Doch
trat  in  der  Krisis  an  hervorragenden  Beispielen  auch  die  Erscheinung  auf,  daß  gutbeglaubigte
  Bankinstitute  großen  Depositenzufluß  erhielten,  welcher  durch  ihre  Vermittlung
ein  sehr  wertvoller  Leiser  in  der  Not  geworden  ist.
Nichts  hat,  um  es  schließlich  zu  sagen,  so  gründlichen  Bankerott  gemacht  als
der  doktrinäre  Absolutismus  der  ökonomischen  Theorie  und  Praxis.
Während  man  in  Europa  in  Doktrin  und  Gesetzgebung  dem  Phantom  der  Zettelüberschwemmung ­
  als  einziger  Gefahr  nachjagte,  schuf  die  Wechselreiterei  Lunderte  von
Millionen  fiktiver  Werte;  während  die  Aktiengesellschaften  alles  ruinieren  sollten,
überließ  sich  die  Privaündustrie  im  Lande!,  welcher  seiner  Natur  nach  von  jeher  die
individuelle  Wirtschaftsform  vorherrschend  für  sich  hat  wählen  müssen,  Übertreibungen
aller  Art  und  brachte  die  Krisis  auf  den  Gipfelpunkt;  während  die  absoluten  Freihändler ­
  der  Lansestadt  und  der  skandinavischen  Plätze  um  Staatsunterstützung  auf  den
Knieen  lagen,  mußten  die  büreaukratisch  gescholtenen  Regierungen  Frankreichs  und
Preußens  das  Prinzip  der  selbstverantwortlichen  Freiheit  im  Lande!  vertreten;  während
die  Notendeckung  der  Bank  von  England  als  die  stärkste  Seite  des  Znstittites  erschien,
machte  gerade  sie  Fiasko;  während  bisher  die  großen  Bankinstitute  einander  in  blindem
Nachahmungstrieb  die  geringsten  Zinsfußänderungen  nachmachten,  emanzipierten  sie  sich
diesmal  mit  Erfolg  und  ließen  —  bloß  nach  den  konkreten  Verhältnissen  des  heimischen
Geldmarktes  sich  richtend  —  wochenlang  Differenzen  von  4°/ 0  im  wechselseitigen  Bankzins ­
  bestehen.  Die  Beispiele  ließen  sich  häufen,  in  welchen  die  absolute  Doktrin,  der
theoretische  und  praktische  Schlendrian,  vor  den  Erfahrungen  und  Notwendigkeiten  der
Krisis  zu  Schanden  geworden  sind.  Auf  dem  Gebiete  der  Öffentlichkeit  scheint  uns
vor  allem  die  Aufgabe  der  wirtschaftlichen  Gesetzgebung  und  Verwaltung  zu  liegen.
            
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