Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4.  Der  „große  Börsenkrach"  im  Jahre  1873.

97

Wenn  der  Staat  im  Zivil--  und  Handelsrecht,  in  der  Gewerbeordnung,  in  der  Gewerbekonzession, ­
  in  der  Beförderung  und  rechtzeitigen  Veröffentlichung  der  volkswirtschaftlichen
Statisük  die  ganze  volkswirtschaftliche  Bewegung  in  den  durchsichtigen  Spiegel  der
Öffentlichkeit  zu  reflektieren  trachtet,  auch  wo  es  unbequem  ist,  so  unterstellt  er  der
wirtschaftlichen  Freiheit  die  praktische  Intelligenz,  der  Selbstverantwortlichkeit  die  praktische
Freiheit,  sichert  er  sowohl  die  mannigfaltigste  Entwicklung  als  die  allgemeinste  Kontrolle.
Dem  Auge  der  wirtschaftlichen  Öffentlichkeit  Tausende  von  Fazetten  und  immer  schärfere
Spiegelflächen  anzuschleifen,  ist  eine  Aufgabe  der  Gesetzgebung,  deren  Lösung  den
Fortschritt  regeln  und  die  wirtschaftliche  Selbstbeherrschung  allgemein  machen  kann.
Einseitige  Beschränkungen  verkrüppeln  nur  den  Fortschritt,  gewerbliche  Staatsaufsicht
und  Staatsintervention,  eine  das  Korrelat  der  andern,  tteiben  den  Mißbrauch  nur  auf
unverfolgbare  Abwege,  untergraben  die  freie  Mäßigung,  stumpfen  die  wirtschaftliche
Selbstbeherrschung,  die  geschäftliche  Sittlichkeit,  die  Solidität  ab  und  setzen  den  Affentrieb
der  Nachahmung  und  des  Schlendrians  an  die  Stelle  der  einzeln  erwägenden  Vorsicht.

4.  Der  „große  Börsenkrach"  im  Jahre  1873.
Von  Albert  Schäffle.
Schäffle,  Der  „große  Börsenkrach"  des  Jahres  *873.  In:  Gesammelte  Aufsätze.  2.  Bd.
Tübingen,  6.  Laupp,  *886.  S.  67,  S.  gs,  5.  98—*03,  S.  ***—**3  und  5.1*6.
Im  Mai  des  Jahres  1873  brach  endlich  das  Sttafgericht  über  ein  Schwindeltreiben
  herein,  wie  es  seit  den  Lawschcn  Orgien  der  me  Quincampoix  nicht  erlebt
worden  war.
Fünf  Jahre  lang,  besonders  aber  im  Jahre  1872  und  noch  zu  Beginn  des
Jahres  1873,  hatte  es  geschienen,  als  ob  die  Bäume  der  Spekulation  wirklich  in
den  Kimme!  wachsen  sollten.  An  fast  allen  großen  Börsenplätzen  hatte  der  Aktienschwindel ­
  einen  seit  Law  nicht  dagewesenen  Amfang  und  Cynismus  erreicht.  Aber
nirgends  hat,  bis  jetzt  wenigstens,  der  tolle  Tanz  um  das  goldene  Kalb  mit  solchem
Schrecken  ein  Ende  genommen,  wie  in  Wien.
Es  ist  schwer,  zu  bestinnnen,  von  welchem  Tage  der  „große  Krach"  zu  daüeren
ist,  ob  schon  vom  5.  oder  erst  vom  9.  Mai  an.
An*  9.  Mai  kam  der  Mechanismus  der  Börse  zum  völligen  Stillstand  und  der
furchtbare  Ernst  der  Lage  zum  allgemeinen  Bewußtsein.
Allein  schon  an*  5.  Mai  hatte  der  ganze  Boden  der  Börse  *vie  in  einem  Erdbeben ­
  erzittert.  Verfasser,  damals  gerade  in  Wien  anwesend,  hörte  schon  an  diesem
Tage  von  urteilsfähigster  Seite  den  furchtbarsten  Zusammenbruch  als  unvermeidlich
bezeichnen.  Sehr  gut  beschreibt  der  „Österreichische  Ökonomist"  den  Zustand  und  Verlauf ­
  der  Wiener  Börse  am  5.,  6.  und  7.,  dann  am  9.  und  10.  Mai:  „Wenn  auch
nicht  ohne  Bangigkeit  und  Anruhe,  so  doch  nichts  weniger  als  eines  Überfalles  gewärtig,
ttat  die  Börse  den  denkwürdigen  5.  Mai  des  Jahres  des  Krachs  an.  Die  Kurse
von  Berlin  und  Frankfurt  waren  sogar  höher  eingetroffen,  und  ain  Morgen  gab  man
sich  in  Coulissenkreisen  einer  zuverläßlichen  Stimmung  hin.  Überall  die  Prolongationsschwierigkeit,
  das  Drängen  der  Kostnehmer,  die  Rücknahme  der  verpfändeten  Papiere
zu  beschleunigen,  der  tolle  Lärm  der  Arrangeure,  Kassiere  und  Skontisten,  welche
nichts  als  Meldungen  von  falschen  Künden,  nicht  übernommenen  Effekten  und  Wirrnissen ­
  in  der  Differenzrechnung  zu  machen  hatten!  Alles  das  verlieh  dem  Tage  etwas
Mo  Hat,  Volkswirtschaftliches  Lesebuch.  7
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.