Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

116  Zweiter  Teil.  Kandel.  V.  Kandelsunternehmung  rc.
Waren  nach  Form,  Farbe  und  Material  sich  schnell  und  häufig  ändert.  Industrien,
deren  Artikel  der  Mode  unterworfen  sind,  und  deren  Produktion  sich  der  rasch  wechselnden
Geschmacksrichtung  der  Konsumenten  anpassen  muß,  können  sich  daher  nicht  zu  Kartellen
zusammenschließen,  oder  die  Vereinigung  kann  höchstens  sehr  lose  und  infolgedessen
unwirksame  Formen  annehmen.  Die  Kartellierung  erfordert  ferner  eine  gewisse  Konzentration
  der  Erwerbszweige,  bei  denen  sie  Bestand  haben  soll.  Die  Zahl  der  Betriebe
darf  nicht  mehr  allzu  groß  fein;  man  kann  zwar,  wie  das  Beispiel  einiger  Kartelle
zeigt,  noch  einige  hundert,  aber  man  kann  nicht  viele  Tausende  von  Unternehmungen
zu  gemeinsamem  Vorgehen  vereinigen.  Nur  die  Gewerbezweige,  in  denen  der  Großbetrieb ­
  schon  ziemlich  vollständig  gesiegt  hat,  und  die  zugleich  eine  große  Gleichförmigkeit
des  Produktionsprozesses  sowie  der  hergestellten  Waren  zeigen,  sind  also  für  die  Kartellbildung ­
  reif.  Diese  Voraussetzungen  sind  aber  am  meisten  verwirklicht  im  Bergbau,
in  der  chemischen  Industrie,  sowie  bei  der  Erzeugung  von  Kalbfabrikaten.  Diese
Produktionszweige  sind  daher  auch  das  eigentliche  Feld  der  Kartellbildung.  Von
345  Kartellen,  die  man  bis  zum  Jahre  1897  in  Deutschland  insgesamt  gezählt  hatte,
entfielen  nicht  weniger  als  253  auf  die  chemische  Industtie,  die  Metall-,  insbesondere
die  Eisenindusttie,  den  Bergbau,  sowie  die  Industrie  der  Steine  und  Erden.  Kohlen,
Koks,  Briketts,  Salz,  Zucker,  Spiritus,  Kalifabrikate,  Zement,  Ziegel,  Tafel-  und
Spiegelglas,  Soda,  Ammoniak,  Draht  und  Drahtstifte,  ferner  fast  die  gesäurten  Kalbfabrikate ­
  der  Eisenindustrie:  das  ist  etwa  die  Liste  der  wichtigsten  Gegenstände,  deren
Produttion  am  Schluß  des  Jahrhunderts  in  Deutschland  kartelliert  war.
Es  läßt  sich  heute,  wo  wir  noch  in  den  Anfängen  der  Ära  der  Kartelle  stehen,
noch  nicht  recht  beurteilen,  wohin  die  industrielle  Kartellbewegung  schließlich  führen  wird.
Jedenfalls  erscheint  es  mir  unrichtig,  in  der  zunehmenden  Ausbreitung  der  Kartellbewegung ­
  lediglich  die  Wirkung  der  Schutzzollpolitik  sehen  zu  wollen,  welche  Deutschland ­
  seit  1879  befolgt.  Die  Schutzzölle  haben  zweifellos  aus  vielen  Gebieten  die
Kartellbildung  sehr  erleichtert  und  begünstigt,  und  daher  hat  die  Schwenkung  der  deutschen
Kandelspolittk  im  Jahre  1879  wesentlich  zu  dem  raschen  Fortschritt  der  Kartellbildung
beigetragen,  den  wir  seitdem  erlebt  haben.  Allein  es  ist  eine  oberflächliche  Auffassung,
in  den  Schutzzöllen  die  treibende  Kraft  und  die  letzte  Ursache  der  ganzen  Kartellbewegung ­
  zu  suchen.  Die  Tendenz  zur  Kartellbildung,  zur  Ersetzung  des  freien  durch
ein  gebundenes  Llnternchmertum  liegt  vielmehr  tief  im  Wesen  der  heutigen  Produktionsweise ­
  begründet.  Die  Schutzzölle  haben  diese  Tendenz  nur  schneller  ans  Tageslicht
gebracht,  als  es  sonst  geschehen  sein  würde,  aber  sie  haben  sie  nicht  erst  geschaffen,  —
beziehen  sich  doch  einige  unserer  größten  und  wichttgsten  Kartelle  auf  Artikel,  die  wie
Kohlen  und  Kalisalze  überhaupt  keinen  Zollschutz  in  Deutschland  genießen,  und  hat  es
doch  auch  schon  verschiedene  internationale  Kartelle  gegeben.  Wir  müssen  uns  vielmehr
daran  gewöhnen,  den  kartellmäßigen  Zusammenschluß  der  Angehörigen  eines  Gewerbes
da,  wo  er  irgend  möglich  ist,  als  etwas  ebenso  Natürliches  und  Normales  in  einer
rechtlich  aus  Gewerbe-  und  Vertragsfreiheit  beruhenden  Volkswirtschaft  zu  betrachten,
wie  den  tatsächlichen  Zustand  der  freien  Konkurrenz.  Wenn  dem  aber  so  ist,  wenn
wir  in  den  Kartellen  nicht  nur  eine  vorübergehende  Folgeerscheinung  unserer  gegenwärtigen ­
  Kandelspolitik,  sondern  einen  dauernden  Bestandteil  der  modernen  Wirtschaftsverfassung ­
  auf  großindustriellem  Gebiet  zu  sehen  haben,  so  erhebt  sich  sofort  die  Frage:
Wie  soll  sich  der  Staat  zu  den  neuen  Gebilden  verhalten?  Sie  bedeuten  in  vielen
Richtungen  zweifellos  einen  wichtigen  wirtschaftlichen  Fortschritt:  in  die  Anarchie  der
heutigen  Produttionsweise  wird  durch  sie  eine  gewisse  Übersicht  und  Ordnung  gebracht,
sie  beugen  durch  rechtzeitige  Anpassung  der  Produktton  an  den  Bedarf  der  Entstehung
von  Überproduktion  vor,  sie  sparen  an  den  faux  frais  der  Warenproduktion,  indem  sie
die  Unternehmer  der  Notwendigkeit  überheben,  große  Summen  alljährlich  auszugeben,
nur  um  sich  gegenseitig  die  Aufträge  abzujagen,  sie  sparen  endlich  erheblich  an  über-
            
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