128 Zweiter Teil. Handel. VI. Handlungsgehilfe und Handlungslchrling.
Eine andere Ansicht, die schon bedeutend höher steht und anscheinend viel für
sich hat, meint, der Kaufmann könne nur durch die Praxis ausgebildet werden. Man
führt hier mit Vorliebe das Beispiel von dem Hausierer an, der an Kenntnissen so
wenig besaß wie an Kapital, und der nur durch seine kaufmännische Begabung empor
gekommen sei. Diese Beweisführung ist aber wenig stichhaltig, denn sie vergißt anzu
führen, wo die große Masse derer hingekommen ist, die nichts vor sich gebracht haben.
Das Unnötige oder überflüssige theoretischer kaufmännischer Ausbildung behaupten
wollen, wäre ebenso, als wenn man sagen wollte: Weil es geniale Maler, Musiker,
Techniker gegeben hat, brauchen wir keine Malerakademien, Musikschulen und technische
Hochschulen. Daß es immer besonders gut beanlagte und besonders praktische Naturen
geben wird, die lediglich aus sich selbst heraus es zu etwas bringen, ist natürlich.
Nur muß man auch hier noch fragen: Wieviel weiter würden sie noch gekommen sein,
wenn ihre Anlagen die richtige geordnete Entwicklung und Ausbildung erfahren hätten?
Wieviel mehr hätten sie leisten können, wenn sie mit der mühsamen Selbsterziehung
nicht so viel Zeit verloren haben würden? Die Erziehung und Unterweisung gibt uns
nichts, was wir nicht aus uns selbst haben könnten, aber sie gibt uns das alles viel
schneller und ohne daß wir Schaden an uns selbst nehmen.
Man sollte sich vergegenwärtigen, daß ein geborener Kaufmann sicherlich in
rasendem Tempo alle Erfahrungen der anderen bei Gelegenheit in seinem Gehirn
verarbeiten, die Nutzanwendungen schneller ziehen und mit einem insttnkttven Gefühl
aller Schwierigkeiten Herr werden kann, daß aber die große Masse diese Fähigkeit
nicht besitzt, und daß es für diese eine Wohltat ist, wenn sie die Erfahrungen, die
andere gemacht haben, in theoretisch-systematischer Weise vorgeführt bekommen, damit
sie ihrerseits wohlvorbereitet an den Beruf herantteten können. Zm Gegensatz zu
dieser ausschließlich die praktische Ausbildung befürwortenden Auffassung steht eine
dritte, welche meint, der Kaufmann solle nur aus theoreüschem Wege ausgebildet werden.
Vor dieser Auffassung müssen wir uns besonders hüten in einer Zeit, wo man, nach
dem das üngenügende der ausschließlich praktischen Ausbildung erkannt worden ist,
leicht geneigt ist, in das andere Extrem zu verfallen und die Ausbildung durch die
Praxis zu unterschätzen.
Allerdings ist es heute vielfach außerordentlich schwer, namentlich in größeren
Geschäften mit durchgeführter Arbeitsteilung, junge Kaufleute systematisch auszubilden.
Ein größeres Geschäft, das ich z. B. im Auge habe, ist so organisiert, daß drei große
Abteilungen eingerichtet sind: eine Expeditions-, eine Einkaufs- und eine Buchhaltungs
abteilung. Der Einkauf wird durch 5 Disponenten mit den nötigen Hilfskräften
besorgt. (Das ganze Geschäft umfaßt 80 Angestellte und Hilfskräfte). Zn der
Expedition sind wieder drei große Gruppen gebildet, und jede dieser Gruppen ist so
gegliedert, daß eine feste Arbeitsteilung vorliegt. So hat beispielsweise die eine Ab
teilung einen Vorsteher, der die Aufsicht führt und gleichzeitig die bezüglichen Korre
spondenzen erledigt. Fünf Gehilfen sind in dieser Abteilung tätig. Einer ist der
Aufseher, der die Waren vom Lager holt, einer der Ansager, der, nachdem die Waren
sortiert sind, einem anderen, der die Sttazze führt, und einem, der die Rechnungen
schreibt, die nötigen Angaben macht. Es sind hierbei Arttkel auszusuchen, die Fach
kenntnis erfordern, und deshalb muß hierzu noch ein besonders fachmännisch aus
gebildeter Gehilfe herangezogen werden. Das Verpacken der Waren ist in ähnlicher
Weise organisiert, und die Buchhalterei ist in alle ihre Teilfunktionen zerlegt: einer
hat die Mahnungen, ein anderer die Übertragungen, wieder ein anderer die Aus
züge usw. zu erledigen. Zn einem so gegliederten Bettiebe ist es ganz unmöglich,
daß der Prinzipal mit den 8—10 Lehrlingen, die in den einzelnen Abteilungen unter
gebracht sind, persönliche Fühlung unterhält und dieselben, ohne daß die komplizierte
Maschinerie in ihren einzelnen Teilen gestört wird, in einer ihrer nottvendigen Aus-