Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Handel.  VIII.  Der  Wettbewerb  im  Handel  rc.

3.  Typische  Fälle  unlauteren  Wettbewerbes.
Von  Wilhelm  Stieda.
Stieda,  Unlauterer  Wettbewerb.  Zn:  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik.
Herausgegeben  von  Conrad  und  Elster  in  Verbindung  mit  Loening  und  Lcris.  3.  Folge.  U-  Bd.
Jena,  Gustav  Fischer,  l8YS.  S.  79—83.
Das  Reklamewesen  ist  in  der  Gegenwart  eine  legitime  Macht  geworden.  Alle
größeren  Fabriken  und  Handelsgeschäfte  so  gut  wie  die  kleineren  Unternehmungen  wissen
die  Bedeutung  des  Inserats  zu  schätzen,  und  sofern  sich  das  Anpreisen  der  Waren
oder  Leistungen  in  wohlanständigen  Grenzen  hält,  wird  niemand  gegen  dieses  Hilfsmittel ­
  zur  Heranziehung  von  Käufern  etwas  einzuwenden  haben.  Leider  aber  braucht
man  nur  irgend  eine  Zeitung  in  die  Land  zu  nehmen,  um  sich  davon  zu  überzeugen,
zu  welchen  extravaganten  Blüten  die  schwindelhafte  Reklame  es  bringt.  Es  ist  hier
nicht  von  der  Korruption  eines  Teiles  unserer  Presse  die  Rede,  die  systematisch  gegen
hohes  Entgelt  Beihilfe  zu  schwindelhafter  Reklame  im  Geschäfts-  und  Erwerbsleben
treibt  und  gewissenlose  oder  mit  grober  Fahrlässigkeit  geübte  günstige,  der  Wahrheit  nicht
entsprechende  Beurteilung  wirtschaftlicher  Zustände,  Fonds,  Wertpapiere,  Fabrikate  usw.
abdruckt.  Auch  abgesehen  davon  wird  in  Anpreisung  von  Ausverkäufen,  von  Verkäufen ­
  wegen  Geschäftsaufgabe  oder  Llmbaus,  von  Verkäufen  größerer  Mengen,  von
Resten,  von  Gelegenheitsverkäufen  u.  dgl.  nr.  viel  geleistet.  Wie  unzweifelhaft  trügerischen
Inhalts  derartige  Annoncen  sein  mögen,  sie  finden  zahllose  gutgläubige  Leser  und  Käufer.
Da  heißt  es  z.  B.:  „2000  Strohhüte  müssen  in  zwei  Tagen  losgeschlagen
werden."  Sieht  man  aber  näher  zu,  so  sind  keine  300  Stück  am  Lager.  Oder:
„Verhältnissehalber  wird  ein  fast  neues  Pianino  billig  verkauft."  Bei  Nachfrage  ergibt
sich,  daß  diese  Instrumente  von  auswärtigen  Fabriken  gewissen  Bürgern  zum  Verkauf
gegeben  werden,  die  sie  in  ihre  eigene  Wohnung  hinsehen,  um  den  Schein  zu  erwecken,
als  ob  sie  ihr  Eigentum  wegen  Raummangels  oder  sonst  billig  abzugeben  geneigt  seien.
Oder:  „Trauriges  Familiendrama:  Ein  seit  einem  Jahre  verheirateter  Kaufmann  verlor
plötzlich  seine  junge  Frau.  Er  wurde  darüber  so  erschüttert,  daß  er  in  Irrsinn  verfiel
und  in  eine  Anstalt  gebracht  werden  mußte.  Von  seiten  der  Gläubiger  wurde  ich
nun  ernannt,  das  neue  elegante  Warenlager  zu  jedem  Preis  in  vier  Tagen  auszuverkaufen." ­

Auf  dem  gleichen  Niveau  stehen  die  Anpreisungen  von  reinseidenen  oder  ganzwollenen ­
  Stoffen,  von  echten  Stearinkerzen  usw.  und  die  Anbringung  von  Preisen  an
den  Gegenständen,  wobei  neben  der  Hauptzahl  3,  5  oder  7,  die  „Mark"  bedeutet,  klein
daneben  gedruckt  ist  85,  75,  95  Pfg.
Auf  die  Quantitätsverschleierungen  stößt  man  im  Handel  mit  Schokolade,
Zucker,  Bindfaden,  Garn,  Bier,  Seife  usw.  Schokolade  wird  angeblich  in  Pfunden
verkauft,  während  die  zwei  oder  vier  Tafeln  nur  400  oder  450  g  wiegen.  Seife  wurde
in  Halle  nach  Riegeln  verkauft,  die  herkömmlich  2  Pfund  Gewicht  haben  sollten.  Da
kam  eine  Schleuderfirma  auf  den  Gedanken,  die  Riegel  zu  850  und  zu  900  g  zu
schneiden,  konnte  diese  natürlich  wohlfeiler  verkaufen  und  machte  ein  glänzendes  Geschäft.
Im  Bierhandel  überbieten  sich  die  Ländler  in  der  Anzahl  der  Flaschen,  die  sic  für
einen  Taler  z.  B.  verabfolgen.  Aber  die  Flaschen  büßen  immer  mehr  an  Rauminhalt
ein  und  fassen  schließlich  kaum  ein  viertel  Liter.  Im  Strickgarnhandel  kannte  man
ursprünglich  die  Einteilung  des  Kilogramms  in  10 /io,  jedes  Zehntel  ä  10  Gebinde  und
jedes  Gebinde  zu  10  g  gerechnet.  Da  kamen  nun  andere  Einteilungen  auf,  z.  B.  16 /is,
jedes  Sechzehnte!  aber  wieder  in  10  Gebinden,  von  denen  nun  das  einzelne  nur  noch
6V1  g  wog.  Wer  jetzt  nach  Gebinden  kaufte,  war  arg  übervorteilt.
            
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