Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

2.  Luther.
Von  Wilhelm  Roscher.
Roscher,  Geschichte  der  Nationalökonomik  in  Deutschland.  München,  R.  Gldenbourg,  187^.
S.  60—63.
Luther  verwirft  den  Landet  im  allgemeinen  nicht.  „Käufer  und  Verkäufer  ist
ein  nötig  Ding,  das  man  nicht  entbehren  und  wohl  christlich  brauchen  kann.  .  .  Denn
also  haben  auch  die  Patriarchen  verkauft  und  gekauft  Vieh,  Wolle,  Getreide,  Butter,  (!)
Milch  und  andere  Güter.  Es  sind  Gottes  Gaben,  die  er  aus  der  Erden  gibt  und
unter  die  Menschen  teilet.  Aber  da  Geiz  eine  Wurzel  alles  Übels  ist,  so  mögen  Kaufleute ­
  schwerlich  ohne  Sünde  sein.  Ich  sehe  nicht  viel  guter  Sitten,  die  je  in  ein  Land
kommen  sein  durch  Kaufmannschaft,  und  Gott  vorzeiten  sein  Volk  von  Israel  darumb
von  dem  Meere  wohnen  ließ  und  nicht  viel  Kaufmannschaft  treiben."  Der  Grundfehler ­
  der  meisten  Landelsgeschäfte  liegt  darin,  daß  sie  die  Waren  so  teuer  wie  möglich
anbringen  wollen;  statt  dessen  es  heißen  müßte,  so  teuer  wie  recht  und  billig.  Dadurch
wird  der  Lande!  „nichts  anderes,  denn  rauben  und  stehlen  den  anderen  ihr  Gut"..
Ohne  die  Sttaßenräuber  entschuldigen  zu  wollen,  meint  Luther  doch,  sie  seien  geringere
Räuber  als  die  Kaufleute:  „sintemal  alle  Kaufleute  täglich  die  ganze  Welt  rauben,
wo  ein  Räuber  im  Jahr  einmal  oder  zwei  einen  oder  zween  beraubt."
Bei  diesem  Anlaß  erörtert  Luther  die  Grundlagen  seiner  Prcistheorie.  Nach
dem  Sahe:  „Jeder  Arbeiter  ist  seines  Lohnes  wert",  hat  der  Kaufmann  Vergütung
feiner  Kosten,  Mühe,  Arbeit  und  Gefahr  zu  fordern:  freilich  Begriffe  von  einem  sehr
schwankenden  Inhalt,  wie  Luther  selbst  anerkennt.  „Doch  wäre  cs  die  sicherste  und
beste  Weise,  daß  weltliche  Obrigkeit  durch  vernünftige,  redliche  Leute"  den  Preis  festsetzen ­
  ließe.  Nur  weil  dies  nicht  zu  hoffen  steht,  mag  als  Surrogat  der  Preis  benutzt
werden,  „wie  ihn  der  gemeine  Markt  oder  die  Landesgewohnheit  gibt  und  nimmt."
Wer  dabei  unabsichtlich  etwas  zu  viel  gewinnt,  der  mag  die  Sünde  im  Vaterunser  vor
Gott  bringen;  gerade  „wie  auch  die  eheliche  Pflicht  nicht  ohne  Sünde  geschieht  und
doch  Gott  um  der  Not  willen  solchem  Werk  durch  die  Finger  sieht,  weil  es  nicht  anders
sein  kann."  —  Dieser  Rückfall  Luthers  auf  das  Ideal  des  kanonischen  Rechtes,  zu
einer  Zeit,  wo  es  doch  schon  so  viel  mehr  Konkurrenz  gab  als  im  eigentlichen  Mittelalter, ­
  hängt  wohl  sehr  mit  der  beginnenden  Entwertung  der  edlen  Metalle  zusammen.
Luther  bemerkte  die  Preisrevolution  sehr  empfindlich  an  der  immer  größer»  Llnzulänglichkcit
  der  Pfarrbesoldungen,  welche  er  aufs  bitterste  beklagt.  Aber  ohne  Verständnis
der  wahren  Gründe,  erklärt  er  diese  Erscheinung,  wie  fast  alle  vor  Bodinus  taten,  nur
aus  der  Labgier  der  Wucherer,  denen  Adel,  Bürger  und  Bauern  viel  eher  durch
Steigerung  ihres  Korns  oder  ihrer  Arbeit  entgegentreten  können.
Sehr  merkwürdig  ist  der  nachmals  von  Adam  Smith  wiederaufgenommene  Gedanke, ­
  die  gemeine  Taglöhnerarbeit  als  Wertmaßstab  anzuwenden.  Einem  Kaufmanne, ­
  der  seinen  billigen  Gewinn  berechnen  will,  rät  Luther,  „die  Zeit  und  Größe
seiner  Arbeit  zu  überschlagen  und  zu  suchen,  was  ein  gemeiner  Taglöhner  einen  Tag
verdient.  Danach  rechne,  wieviel  Tage  du  an  der  Ware  zu  holen  und  zu  erwerben
dich  gemühet,  und  wie  große  Arbeit  und  Gefahr  darinnen  ausgestanden  habest.  Denn
große  Arbeit  und  viel  Zeit  soll  auch  desto  größern  Lohn  haben."
Im  Gegensatze  nicht  bloß  der  Sozialisten,  sondern  auch  mancher  Lumanisten  seiner
Zeit  wußte  Luther  den  Nutzen  des  Geldes  sehr  wohl  zu  schätzen.  Er  hält  es  nicht
für  möglich,  daß  sich  die  Ägypticr  zu  Josephs  Zeiten  wirklich  von  allem  Gelde  entblößt
hätten.  Die  edlen  Metalle  sind  an  sich  keine  schlechte  Kreatur.  Wir  können  uns
derselben  wohl  zu  Gottes  Ehre  und  unseres  Nächsten  Notdurft  bedienen.  Das  Schlechte
liegt  in  uns,  in  unserm  Geize  re.
            
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