Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

182 Zweiter Teil. Lande!. VIII. Der Wettbewerb im Lande! rc. 
Die Kritik der Konsumvereine hat an anderen Punkten einzusetzen. Zuerst ist 
geltend zu machen, daß die untersten Schichten der Arbeiterklasse, wie an freien 
Organisationen überhaupt, so auch an den Konsumvereinen gar nicht oder nur in geringem 
Maße beteiligt sind. „Menschen, die unter einer gewissen Lebenshaltung oder isoliert 
leben," schreibt treffend Frau S. Webb, „Bevölkerungen, welche unausgesetzt ihren 
Wohnort wechseln und ihre Beschäftigung ändern, sind unfähig zur freiwilligen Assoziation, 
sei es als Konsumenten, sei es als Produzenten. Dies von der „Land zum Mund"- 
Leben des unregelmäßig beschäftigten Arbeiters, die physische Apathie des Opfers des 
Schweißtreibers, die Gewohnheit des Bagabundierens und die ungeregelten Wünsche 
des Straßenhausierers und der bunt durcheinander gewürfelten Bewohner des gewöhnlichen 
Logierhauses, — kurz die Rastlosigkeit und tötliche, aus Mangel an Nahrung ent 
stehende, durch Nichstrm gemilderte oder durch körperliche Erschöpfung noch erhöhte 
Müdigkeit gestatten in dem einzelnen Individuum ebensowenig, wie in der ganzen Klasse, 
die Eigenschaften zu entwickeln, die zur demokratischen Genossenschaft und demokratischen 
Selbstregierung notwendig sind." 
Zweitens bleibt zu beachten, daß der Konsumverein nur denjenigen Teil des 
Arbeiterkonsums zu verbilligen im stände ist, in bezug auf welchen der Arbeiter ohne 
Dazwischentreten des Konsumvereines vom Detailhandel abhängig wäre. Der Arbeiter 
bedarf aber auch einer Wohnung, er bedarf Gas und Wasser, er bedarf Transport- 
leistungen usw. 
Immerhin wird selbst derjenige, der den Genossenschaftsidealen kritisch gegenüber 
steht, zugeben müssen, daß der Gedanke der freien genossenschaftlichen Vereinigung zu 
den sozialpolitisch fruchtbarsten gehört, die wir besitzen; daß ihm eine Anpassungsfähigkeit 
und Gestaltungskraft innewohnt, die uns noch weit über die bis jetzt erzielten Ergebnisse 
hinausführen wird. And die Genossenschaft ist nicht nur zur Verbesserung materieller 
Verhältnisse fähig, sie wird, wie bereits manche Erscheinung klar andeutet, sicher auch 
für die Lebung der künstlerischen, dramatischen und litterarischen Produktions- und 
Konsumtionsverhältnisse eine außerordentliche Bedeutung gewinnen. Auch läßt sich nicht 
verkennen, daß im Genossenschaftswesen Keime liegen, die in ihrer weiteren Ausbildung 
charakteristische Glieder und Einrichtungen des gegenwärtigen Wirtschaftslebens bis zur 
Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen im stände sind. Der Detailhandel, ja selbst der 
Großhandel werden ausgeschaltet, und auch den gewerblichen Anternehmer vermag die 
Genossenschaft zu ersehen, wenn sie cs unternimmt, selbst Waren für ihre Mitglieder 
zu produzieren. Somit gerät durch die Genossenschaftsbewegung Anternehmerprinzip, 
Warenproduktion, freier Wettbewerb, Privateigentum an den Produktionsnütteln, kurz 
all' dasjenige, wodurch wir die heutige Wirtschaftsordnung kennzeichnen, ins Wanken. 
And trotz dieser tiefeingreifenden Amwälzungen tritt das Genossenschaftswesen als solches 
gegen die geltende Rechtsordnung, gegen die überlieferten politischen und kirchlichen 
Einrichtungen in keinerlei Gegensatz! 
7. Der Wanderhandel. 
Von Paul Rocke. 
Rocke, Der Kleinhandel. In: Handbuch der lvirtschaftskunde Deutschlands. Heraus 
gegeben im Auftrage des Deutschen Verbandes für das kaufmännische Unterrichtswesen. <*. Bd. 
Leipzig, B. G. Teubner, M-Z. S. 89-9;. 
Eine den Jahrmärkten in ihrer heutigen Forin verwandte Erscheinung sind die 
Wanderlager und Wanderauktionen, mit dem charakteristischen Lauptunterschiede, 
daß sie nicht periodische Zusammenkünfte einer Mehrzahl von Landeltreibenden dar-
	        
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