Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7. Der Wanderhandel. 
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stellen, sondern umherziehende Einzelbetriebe. Am meisten werden auf diese Weise ver 
trieben Manufaktur-, Mode- und Kurzwaren im weitesten Sinne dieser Worte, Schuh- 
waren, Äüte, Mützen, Schirme, Galanterie-, Leder- und Spielwaren, Glas, Porzellan, 
Steingut und irdene Waren, Korbwaren und Bürsten, Seifen und Parfümerien, Tabak 
und Zigarren, Weine und Liköre. 
Diese Form des Gewerbebetriebs steht unter gewissen einschränkenden Be 
stimmungen der Gewerbeordnung, welche davon ausgehen, daß er sowohl für das 
kaufende Publikum als auch für den seßhaften Detailhandel leicht mit Gefahren und 
Schädigungen verschiedener Art verbunden ist. Denselben Erwägungen entspringt eine 
Sonderbesteuerung der Wandcrlager und Wanderauktionen, die durch die Steuergesetz 
gebung der deutschen Einzelstaaten geregelt ist. Über Zahl und Verbreitung dieser 
Geschäftsformen stehen uns neuere statistische Angaben nicht zur Verfügung. Vom 
Reichskanzleramte sind im Jahre 1878 Erhebungen darüber angestellt worden, deren 
Ergebnisse unterm 30. April genannten Jahres dem Reichstage vorgelegt wurden. Es 
läßt sich jedoch nicht feststellen, inwieweit die dort gemachten Angaben noch heute für 
bestimmte Ortschaften und Landstriche zutreffen oder nur noch historischen Wert haben. 
Die älteste, bekannteste und praüisch wohl wichtigste Form des Wandergewerbes 
ist der Hausierhandel. 
Bei der gewerblichen Betriebszählung vom 14. Juni 1895 wurden im Deutschen 
Reiche 39057 Hausiergewerbebetriebe überhaupt gezählt. Von den insgesamt im 
Hausierhandel tätigen 37429 Personen waren 22952 männlichen und 14477 weib 
lichen Geschlechts. In den meisten, nämlich in fast 32000 Betrieben, ist nur eine 
Person, der Betriebsinhaber, tätig. Mitarbeitende Familienmitglieder wurden 1858 
gezählt, davon 265 männliche und 1593 weibliche. 
Stic da unterscheidet drei Arten von Hausierern: 
1. Hausierer, die Leistungen anbieten oder Erzeugnisse ihrer eigenen Wirtschaft, 
industrielle oder landwirtschaftliche, feiltragen; 
2. Hausierer, die durch Angunst der Verhältnisse in ihrer Heimat beim Mangel 
anderer Erwerbsgelegenheit sich diesem Berufe zugewandt haben; 
3. Hausierer, die nicht eigentlich arbeiten wollen oder können, bei denen vielmehr 
dieses Geschäft nur den Vorwand gibt, zu betteln und zu bummeln. 
.Unser diese drei Gruppen läßt sich jedoch der gesamte im Reiche betriebene 
Hausierhandel nicht ohne Zwang vollkommen unterbringen, man muß vielmehr mindestens 
noch eine vierte Gruppe aufstellen, nämlich: 
4. Hausierer, die infolge Familien- oder Lokaltradition sich diesem Berufe widmen. 
Von ständigen Wohnorten einer größeren Anzahl von Hausierern feien hervor 
gehoben: 
Die Hausierdörfer im Kreise Ratibor in Schlesien, das bedeutendste Deutsch- 
Krawarn. Gehandelt wird mit den verschiedensten Waren, die in Großhandlungen 
Breslaus und größerer Provinzialstädte bezogen werden. 
Der größte Teil der Einwohner von Satzung im Erzgebirge erwirbt seinen 
Lebensunterhalt durch den Wanderhandel mit Spitzen, Erzeugnissen der erzgebirgischen 
Klöppelei, mit leinenen, wollenen und anderen Webwaren, wofür Hauptbezugsorte 
Leipzig, Chemnitz, Apolda, Ehrenfriedersdorf und Thum sind, mit böhmischen Bett 
federn, Flachs, Sämereien, Pferden, die größtenteils in Böhmen aufgekauft werden, 
Gänsen aus Rußland. — Die Bewohner der obererzgebirgischen Gemeinden Stühen- 
grün und Rotenkirchen vertreiben Heidel- und Preißelbeeren, ursprünglich die in den 
Heimatlichen Wäldern gesammelten, in allmählicher Entwickelung und in viel größerem 
Maßstabe solche aus dem Voigtlande, Fichtelgebirge, Elbsandsteingebirge, Fläming 
und aus Schweden.
	        
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