Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Die  Messe  von  Nischni-Nowgorod  einst  und  jetzt.  203
Als  wichtigste  Ware  einheimischer  Großbetriebe,  und  zwar  der  Zeit  entsprechend
grundherrlicher  Großbetriebe,  traten  damals  in  Nischni  die  Metalle  auf,  insbesondere
Eisen  und  Kupfer;  sie  wurden  aus  den  Metallwerken  des  Aral  die  Kama  im  Frühjahr ­
  zur  Messe  heruntergeschwemmt.,  Auch  das  Eisen  befand  sich,  bei  der  Verschuldung
der  Grundherren,  in  der  Land  von  wenigen  Großkaufleuten.  Drei  oder  vier  Kaufmannsfamilien ­
  monopolisierten  nach  Besobrasoff  jahrzehntelang  den  ganzen  innerrussischen ­
  Eisenhandel.
Diese  Übersicht  ist  bezeichnend  für  die  Zustände  des  Nikolaischen  Rußland.  Noch
herrschte  der  russisch-asiatische  Fernhandel  vor,  ein  Zeichen  naturalwirtschaftlicher
Zustände  des  russischen  Volkes.  Insbesondere  war  die  mittelrussische  Baumwollindustrie ­
  —  ein  Gewerbe,  das  den  heimischen  Massenabsatz  zum  Zweck  hat  —  noch
nicht  auf  dem  Plane  erschienen.  Garne  wie  Gewebe  wurden  noch  aus  den  transkaspischen ­
  Ländern  nach  Rußland  eingeführt,  ähnlich  wie  Indien  im  18.  Jahrhundert
noch  Baumwollwaren  nach  England  versandte.  Die  Einfuhr  von  Baumwollwaren  aus
Asien  nach  Rußland  stieg  sogar  noch  in  den  Jahren  von  1824—1852  beträchtlich;  die
Einfuhr  asiatischen,  selbstverständlich  handgesponnenen  Garnes  ging  erst  in  den  sechziger
Jahren  zurück,  —  alles  Beweise  der  geringen  Bedeutung  der  eigenen  fabrikmäßigen
Baumwollindustrie.  Die  Earneinfuhr  aus  Asien,  d.  h.  aus  Chiwa,  Buchara  und  Persien
betrug:
1854  43985  Pud  im  Werte  von  336020  Rubel,
1860  14478  86710  „  .
Diese  Ziffern  weisen  auf  den  Amschwung  hin,  der  sich  um  jene  Zeit  in  der
russischen  Volkswirtschaft  vollzog  und  den  Charakter  der  Nischnier  Messe  grundlegend
umgestaltete.
Die  breiten  Massen  Rußlands  begannen  zu  jener  Zeit  in  den  Besitz  einer
Landelsware  großen  Stiles  zu  gelangen:  ihr  Getreide  wurde  verkäuflich.  Damit  veränderten ­
  sich,  wenn  auch  allmählich,  die  naturalwirtschastlichen  Gewohnheiten  des
Volkes.  Der  tiefste  Grund  dieser  Veränderung  war  das  Getreideeinfuhrbedürfnis,
also  die  städtisch-gewerbliche  Entwicklung  Westeuropas.  Beschleunigt  wurde  diese
Veränderung  durch  die  Reformen  Alexanders  II.,  vor  allem  den  Eisenbahnbau.  Die
gesetzlichen  Beschränkungen,  denen  bisher  die  Kramläden  auf  dem  Lande  unterworfen
gewesen  waren,  fielen.  Gewiß  wirkte  in  der  angedeuteten  Richtung  auch  die  Aufhebung ­
  der  Leibeigenschaft.  Früher  verbarg  der  Bauer  etwaige  Ersparnisse,  da  er
durch  Ausgaben  auf  Kleidung  und  Bequemlichkeit  die  Labgier  des  Lerrn  erweckte.
In  auffallender  Weise  vermehrte  sich  gerade  in  den  Jahren  nach  der  Bauernbefreiung
auf  den  Jahrmärkten  der  Absatz  der  für  das  Volk  bestimmten  Waren.  Der  befreite
Bauer  kleidete  sich  besser  und  in  lichteren  Farben.
Im  Jahre  1895  habe  ich  in  einem  großen  Dorfe  des  Gouvernements  Woronesch
den  Inhalt  des  Dorfladens  gemustert,  um  einen  Einblick  in  die  gegenwärtigen  Verbrauchsverhältnisse ­
  des  Bauen:  zu  gewinnen.  Bei  weitem  überwogen  die  Produkte  der
Baumwollindustrie.
Neben  der  Baumwolle  spielte  in  dem  besuchten  Laden  das  Erdöl  die  zweite
Rolle,  ebenfalls  ein  Produkt  der  jüngsten  kapitalistischen  Wirtschastsentwicklung.  Außerdem ­
  fand  ich  zahlreiche  eiserne  Kleinwaren:  die  Räder  werden  jetzt  meist  mit  eisernem
Reife,  die  Pflugschar  mit  eisernem  Rande  versehen.  Daneben  sah  ich  eiserne  Beile,
eiserne  Töpfe,  Nägel  usw.  Zwar  nicht  in  dem  betreffenden  Laden,  jedoch  in  der
Gegend  sah  ich  eiserne  Pflüge,  meist  deutschen  Arsprungs,  welche  teils  von  Landlungsreisenden ­
  südrussischer  Einfuhrhäuser,  teils  von  den  Beamten  der  Landschaft  unter  der
bäuerlichen  Bevölkerung  verbreitet  werden.
            
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