Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3. Zur Währungsfragc. 
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(Arbeitslöhne, Gehälter), für Grundstücke und Wohnungen und für Waren im Klein 
handel allgemein gesunken sind. Bewiesen ist nur das Sinken der Preise für sehr 
viele Waren in» Großhandel. Wäre es richtig, daß Geldknappheit ein Sinken der 
Preise veranlaßt hätte, so hätte sie diese Wirkung auch auf die erstgenannten Preise, 
auf Grund deren die größten Amsätze stattfinden, ausüben müssen. 
Daß keine Geldknappheit besteht, ist schon vorher erörtert worden. Sie 
würde einen Druck auf die Preise doch nur in der Weise ausüben können, daß die 
Käufer über weniger Geld verfügten und daher weniger kaufkräftig wären. Wer aber 
die Entwickelung seit 1870 überblickt und dabei etwa die Einkommenstatistik zu Lilfe 
nimmt, wird nicht behaupten können, daß die den Käufern zur Verfügung stehenden 
Geldsummen immer mehr abgenommen haben. 
Die Gegner unserer Währung glauben indessen noch einen anderen, mit den 
Währungsverhältnisscn zusammenhängenden Grund für das Sinken der Warenpreise 
anführen zu können. Der Rückgang des Silberpreises ermögliche es den Silber 
währungsländern, ihre Erzeugnisse zu niedrigeren Preisen in Goldgeld zu verkaufen, 
und gestatte ihnen nur noch zu niedrigeren Preisen in Goldgeld die Erzeugnisse der 
Goldwährungsländer zu kaufen. In dieser Weise werde durch den Rückgang des 
Silberpreises die Einfuhr aus den Silberwährungsländcrn gefördert und die Ausfuhr 
dorthin gehemmt. Ist dieser Gesichtspunkt auch bis zu gewissem Grade als berechtigt 
anzuerkennen, so ist seine Bedeutung doch sehr übertrieben worden. Die Statistik 
des Verkehrs mit den Silberwährungsländern zeigt das schon angedeutete 
Ergebnis, daß nicht nur die Einfuhr von dort, sondern auch die Ausfuhr dorthin 
in beachtenswertem Maße zugenommen hat. Diese Tatsache wird von den 
Gegnern unserer Währung nicht hinreichend gewürdigt. 
Die Lauptursache für das Sinken vieler Preise dürfte in der Vervoll 
kommnung und Vermehrung der Gütererzeugung und des Güterverkehrs, 
sowie in der Verschärfung des Wettbewerbes im Lande! zu finden sein. Als Beispiel dafür, 
daß Preisbewegungen, die viele Waren umfassen, sich ohne Beeinflussung durch das 
Geldwesen vollziehen können, ist die Preissteigerung am Ende der 1880 er Jahre 
anzuführen, der keinerlei wesentliche Veränderungen auf feiten des Geldes entsprachen. 
Soweit nun ein Sinken der Preise wirklich stattgefunden hat, tritt die Frage 
auf, wie es zu beurteilen ist. Die Gegner unserer Währung behaupten, daß das 
Sinken der Preise das größte Llnglück sei, und daß wir auf diesem Wege der sozialen 
Revolution entgegenttieben. Da von ihnen das Sinken der Preise auf die Gold 
währung zurückgeführt wird, so versteigen sie sich zu der Behauptung, daß diese für 
die Sozialdemokratie wirke. 
Entgegen solchen Tiraden, die auf den ersten Blick als abgeschmackte Über 
treibungen erscheinen, ist zu betonen, daß ein Sinken der Preise keineswegs schlechthin 
als ein Äbel zu bettachten ist, denn das Sinken der Preise führt zu niedrigen Preisen, 
die für alle Käufer von Vorteil sind. Wird bemerkt, daß in besonderer Weise 
auf den aus den Silberwährungsländern eingeführten Waren ein Preisdruck laste, 
so erhellt der hieraus für Deutschland entspringende Vorteil um so deutlicher, als die 
große Menge jener Waren mit solchen, die im Inland erzeugt werden, nicht in Wett 
bewerb tritt. Es findet also in dieser Beziehung lediglich eine Minderung der 
Zahlungsverbindlichkeit Deutschlands gegenüber dem Ausland, mithin ein reiner Gewinn 
für uns statt. 
Aber, so wird behauptet, ein Sinken der Preise wirkt auf die wirtschaftliche 
Tätigkeit ungünstig, indem es dem Fabrikanten und Kaufmann die Waren gewisser 
maßen unter seinen Länden entwertet und daher seine Unternehmungslust lähmt. 
Diese Bemerkung ist sicher nicht ganz unrichtig, obwohl sinkende Preise geeignet sind, 
den Absatz zu steigern. Ist aber Stetigkeit der Preise als das Beste im wirtschaft-
	        
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