Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Licht-  und  Schattenseiten  des  Kapitalismus.

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vielfacht  auch  die  Aussichten  auf  weitere  Vermehrung  des  Reichtunis  in  der  Land
weniger  Tausende  von  Familien,  auf  eine  weitere  Verschärfung  der  Besitzgegensätze.
Schon  dies  ist  beklagenswert,  so  unentbehrlich  an  sich  Besitzkontraste  im  Leben
sind.  Aber  vor  allem  hasten  dem  Kapital,  namentlich  wo  es  sich  in  großen  Massen
bei  einzelnen  aufgehäuft  findet,  bei  seinem  Eingreifen  in  die  Volkswirtschaft  einige
Eigenschaften  an,  die  nur  ungünstig  beurteilt  werden  können.
Das  Kapital  fragt  nicht  nach  dem  tatsächlichen  Bedürfnis  seiner  Anwendung.
Es  schreckt  also  auch  nicht  vor  einer  Überspannung  der  Produktion  und  Konkurrenz
zurück.  Denn  der  Stern,  dem  es  folgt,  ist  nicht  Befriedigung  von  Bedürfnissen  der
Allgemeinheit,  sondern  Gewinn.
And  weiter:  das  Kapital  hat  einen  Zug  zum  Tyrannischen.  Dies  zeigt  sich  in
doppelter  Beziehung:  einmal  opfert  es  rücksichtslos  alle  schwächeren  Betriebsformen,
soweit  sie  nicht  durch  ihre  Leistungen,  wie  der  kleinere  Landwirtschaftsbetrieb,  oder  durch
sonstige  Vorteile  vor  dem  kapitalistischen  Betrieb,  wie  manche  Landwerke,  widerstandsfähig ­
  sind,  oder  soweit  sic  nicht,  wie  in  der  Form  der  Lausindustrie  oder  des  Detail-Handels,
  seinen  Zwecken  dienstbar  zu  machen  sind.
And  noch  nach  einer  anderen  Richtung  bewährt  es  diesen  seinen  Charakter:  das
Kapital  erhebt,  soweit  ihm  keine  Lindernisse  im  Weg  stehen,  auch  innerhalb  des
einzelnen  Betriebs  den  Anspruch,  nicht  nur  Richtung  und  Ausdehnung  der  ganzen
Geschäftsführung,  sondern  auch  die  Verteilung  des  Gewinns  einseitig  zu  bestimmen.
Diese  Kritik  mag  Ihnen  scharf  erscheinen;  aber  ihre  Berechtigtheit  wird  nicht  zu
leugnen  sein.  Nur  das  muß  ich  beifügen,  um  zuweitgchende  Konsequenzen,  die  daraus
gezogen  werden,  abzulehnen.  Jene  Eigenschaften  hasten  zunächst  nicht  notwendig  an
allen  einzelnen  Trägern  des  Kapitalbesitzes.  Fast  jeder  von  uns  kennt  Anternehmer,
die  ihrer  Macht  aus  eigener  Entschließung  Schranken  auferlegen  und  der  wirtschaftlichen ­
  Überlegenheit  durch  ihre  persönliche  Laltung  den  verletzenden  Stachel  nehmen.
And  weiter  sind  jene  Eigenschaften  sozusagen  der  Institution  des  Privatkapitals
selbst  angeboren.  Wir  müssen  sie  in  den  Kauf  nehmen,  wie  bedenkliche  Eigenschaften
an  einer  an  sich  nützlichen  und  notwendigen  Sache.  Wir  müssen  uns  mit  ihnen  abfinden,
so  gut  es  eben  geht,  d.  h.  wir  müssen  diese  Gefahren  zu  vermindern  trachten,  da  sie
nie  ganz  zu  beseitigen  sind.
Alle  Weisheit  der  Zukunft  wird  auf  die  Dauer  nicht  darüber  hinauskommen.
In  engstenr  Zusammenhang  mit  diesen  Schattenseiten  des  Kapitalismus  steht
das,  was  wir  heute  die  soziale,  die  Arbeiterfrage  nennen.  Die  Entwicklung  des
großkapitalistischen  Betriebs  und  die  wachsende  Vermögens-  und  Einkommensungleichheit
ist  es,  die  die  moderne  Arbeiterfrage  geschaffen  hat.
Ihre  Grundlagen  sind  die  folgenden:
Zunächst  ist  die  Zahl  der  abhängigen  Arbeiter  außerordentlich  gewachsen.  In
Industrie  und  Landel  haben  sich  die  in  Betrieben  mit  über  5  Personen  beschäftigten
Arbeiter  und  Gehilfen  allein  von  1882—1895  vermehrt  von  2,70  Millionen  auf
4,85  Millionen,  d.  h.  1882  war  jeder  siebzehnte  Mensch,  1895  jeder  elfte  Mensch  in
dieser  Klasse.
Sodann  ist  die  Stellung  des  Arbeiters  im  Wirtschaftsleben  gegen  früher  eine
ganz  andere  geworden.  Von  den  Arbeitern  in  der  Landwirtschaft  will  ich  hier  absehen;
hier  ruht  die  Entwicklung  auf  ganz  anderen  Grundlagen,  hier  ist  die  Verschiebung  eine
viel  geringere.
Vergegenwärtigen  wir  uns  die  Lage  der  Arbeiter  in  der  Vergangenheit.
Der  Typus  war  hier  der  Kleinbetrieb  mit  seiner  patriarchalischen  Verfassung,  bei
der  nicht  nur  der  Lehrling,  sondern  auch  der  Gehilfe  ins  Lauswesen  des  Meisters
aufgenommen  war  und  der  Nachwuchs  nach  kürzerer  oder  längerer  Zeit  Aussicht  hatte,
selbständig  zu  werden.  Die  Löhne  waren  gering,  die  Behandlung  nicht  fein,  aber
            
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