Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Die  Textilindustrie.

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Inlandc  sich  ausbreitende  mechanische  Weberei  begonnen.  Wer  sich  die  neuen  technischen
Lilfsmittel  zu  eigen  zu  machen  verstand,  kam  rasch  in  die  Löhe;  wer  hiezu  nicht  fähig
war,  mußte  erliegen.  3m  großen  und  ganzen  konnte  das  „Webereiend"  nur  mit  dem
Eingehen  der  Landweberei  enden.  Ein  Bruchteil  allerdings  verstand  es,  sich  mit  Lilfe
verbesserter  Webstühle  und  der  Pflege  besonderer  Spezialitäten  iiber  Wasser  zu  halten.
Einen  kräftigeren  Widerstand  fand  das  Vordringen  der  mechanischen  Weberei  in
der  Wollverarbeitung.  Allerdings  war  auch  hierin  der  Leine  Weber  naturgemäß  mit
seinen  veralteten  Bctriebseinrichtungen  und  geringen  Betriebsmitteln  dem  Ansturni  all
der  Neuerungen,  namentlich  auch  beim  Ein-  und  Verkauf,  dem  raschen  Wechsel  der
Weltmarktkonjunkturen  und  Weltmarktkrisen  auf  die  Dauer  nicht  gewachsen.  Läufig
sah  er  sich  dazu  gedrängt,  zu  einem  ungünstigen  Zeitpunkt  das  Rohmaterial  anzuschaffen
und  sein  Produkt  zu  veräußern;  er  wurde  das  Ausbeutungsobjekt  des  Zwischenhändlers,
seine  wirtschaftliche  Selbständigkeit  war  nur  mehr  eine  scheinbare.  Als  in  den  sechziger
Jahren  die  Gewerbefreiheit  eingeführt  wurde,  war  von  den  Tuchwebern  kaum  noch  der
zehnte  Teil  selbständig;  die  Mehrzahl  hatte  die  kümmerliche  Scheinexistenz  aufgegeben
und  war  in  die  Fabrik  gegangen.
Allein  in  der  Zeit  von  1882—95  gingen  die  hausindustriellen  Betriebe  um
35—43  %  zurück,  dagegen  nahmen  die  (mehr  städtischen)  Großbetriebe  um  69  %  zu.
Immerhin  gibt  es  auch  heute  noch  nahezu  100  000  Landweber,  die  allerdings  durch
neuere  Webstühle  oder  wegen  der  diffizilen  Arbeit,  wie  in  der  Seidenweberei  (Siciliennes,
Satin,  Frise-Sammet),  konkurrenzfähig  sind.
Noch  rascher  als  die  Weberei  ging  die  Spinnerei  auf  die  Maschine  über,  die
auch  die  geübteste  menschliche  Land  überbot.  Noch  bis  vor  drei  Jahrzehnten  gehörte
wenigstens  das  Spinnen  des  Flachses  für  den  Eigengebrauch  zur  Winterbeschäftigung
der  weiblichen  Bevölkerung  auf  dem  Lande;  schließlich  aber  erwies  es  sich  als  zu  wenig
lohnend.  Lind  auch  in  der  Stickerei  und  Näherei  entzog  die  Maschinen-  und  Massenfabrikation ­
  Tausenden  von  Familien  einen  Nebenverdienst,  der,  so  gering  er  war,  doch
zunr  Lebensunterhalt  für  sie  unentbehrlich  war.  So  wurde  die  Umgestaltung  des
wichtigsten  Gewerbes,  wie  z.  B.  erst  wieder  Schmoller  hübsch  in  seinem  „Grundriß
der  Volkswirtschaftslehre"  (1.  Teil,  1900,  S.  214—15)  schildert,  gleich  bedeutsam
für  das  Familienleben  des  platten  Landes  wie  für  die  soziale  Lage  der  unteren  Klassen.
Weiter  ist  von  allgemeinen!  Interesse,  wie  sich  innerhalb  der  Textilindustrie  weiteren
Sinnes,  nämlich  in  der  dezentralisierten  Leimarbeit,  z.  B.  der  Bekleidungsindustrie,
der  Stickerei  usw.,  verschiedene  Schutzgebiete  vorfinden,  innerhalb  deren  die  Landarbeit
der  billigeren  Maschinenproduktion  einen  erfolgreichen  Widerstand  entgegensetzt.  Daneben
aber  hat  der  vordringende  großkapitalistische  Werkstättenbettieb  selbst  wieder  einen  schweren
Stand;  unablässig  schreitet  die  Technik  zu  neuen  Vervollkommnungen  voran,  denen  sich
kein  Fabrikant  ohne  Schaden  verschließerl  darf.  Andererseits  steigern  sich  auch  die
Ansprüche  des  Publikums  immer  mehr,  sowohl  in  bezug  auf  billigeren  Preis,  als
auch  auf  Grund  der  Geschmacksveredelung  und  der  Ausbildung  eines  selbständigen
Arteils;  daher  wird  z.  B.  auch  in  der  Textilindustrie  die  gewerbliche  Arbeit  dazu  gedrängt,
einen  immer  engeren  Anschluß  an  die  Kunst  zu  erlangen.
Der  Maschinenspinnerei  und  -Weberei  wandte  das  Großkapital  gleich  bei  ihrem
Aufkommen  sein  Interesse  zu;  sie  gehören  auch  zu  den  verhältnismäßig  wenigen
Industrien,  für  die  sich  die  Aktienform  besonders  eignet  und  als  nöüg  erweist.  Leute
ist  über  eine  halbe  Milliarde  Mark  an  Aktien  in  der  deutschen  Textilindustrie  angelegt;
das  Kapital  verteilt  sich  auf  273  Gesellschaften,  die  ein  Aktienkapital  von  438  und
ein  Anleihekapital  von  98  Millionen  Mark  aufweisen.  Der  Lauptteil  entfällt  aus  die
Baumwollindustrie  mit  zusammen  206  Millionen  Mark  und  102  Gesellschaften;  dann
folgt  die  Kammgarnspinnerei  und  -Weberei  mit  zusammen  144  Millionen  Mark  und
            
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