Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Dritter  Teil.  Industrie.

Leute  hat  unsere  Chemikalienindustrie,  namentlich  unsere  Präparaten-  und  Farbwarenindustrie,
  die  Führerrolle  unter  den  chemischen  Industrien  der  Welt.  And  vorerst ­
  ist  keine  noch  so  geschickte  Nachahmung,  keine  noch  so  große  Kapitalkraft  des  Auslandes ­
  im  stände,  diese  leitende  Stellung  zu  erschüttern.

8.  Die  Rübenzuckerindustrie.
Von  Lermann  Paasche.
paasche,  Zuckeriiidustrie  und  Zuckersteuer.  In:  Handwörterbuch  der  StaatLwissenschaftcu.
lseransgegeben  von  Lonrad,  Elster,  Leris,  Loening.  2.  Aufl.  7.  Bd.  Jena,  Gustav  Fischer,  WH.
S.  99?-  ioo  [.
Die  Rübenzuckerindustrie  ist  ein  Kind  deutschen  Geistes  und  zählt  ihre
Lebensdauer  erst  nach  Jahrzehnten,  hat  es  aber  verstanden,  in  dieser  kurzen  Zeit  ihres
Daseins  sich  zu  einem  der  wichtigsten  Faktoren  in  der  Volkswirtschaft  der  mitteleuropäischen ­
  Staaten  emporzuschwingen  und  mit  ihren  Erzeugnissen  heute  auf  dem
Weltmärkte  den»  bisherigen  Alleinherrscher,  den:  Rohrzucker,  den  Rang  abzulaufen.
Der  Chemiker  Marggraf  war  es  bekanntlich,  der  bereits  1747  in  Berlin  die
bedeutsame  Entdeckung  machte,  daß  in  den  Runkelrüben  ein  dem  Rohrzucker  des  sog.
„indischen"  Zuckers  völlig  gleicher  Stoff  enthalten  sei.  Aber  fast  ein  halbes  Jahrhundert ­
  blieb  seine  Entdeckung  ohne  praktische  Resultate.  Erst  den  rastlosen  Versuchen
und  Bemühungen  des  geistvollen  Fr.  Karl  Achard  gelang  es.  die  technische  Verwendung
der  deutschen  Erfindung  durchzusetzen.  In  der  auf  dem  eigenen  Gute  Cunern  in
Niederschlesien  errichteten  ersten  Rohzuckerfabrik  Deutschlands  begann  er  in  bescheidensten
Verhältnissen  die  Verarbeitung  der  gewonnenen  Zuckerrüben,  und  cs  gelang  ihm.  die
zahllosen  Schwierigkeiten,  die  sich  dem  neuen  Anternehmen  in  technischer  und  wirtschaftlicher ­
  Richtung  entgegenstellten,  siegreich  zu  überwinden,  so  daß  er  im  Jahre  1809  nach
sechsjährigen  Erfahrungen  seine  noch  heute  hochbedcutsame  Schrift  „Die  europäische
Zuckerfabrikation  aus  Runkelrüben"  veröffentlichen  und  die  Ergebnisse  seiner  Versuche
der  Kritik  unterbreiten,  zur  Nachahmung  auffordern  konnte.
Aber  die  Angunst  der  Zeiten,  der  Druck  der  französischen  Fremdherrschaft  lähmte
naturgemäß  die  Anternehmungslust,  hinderte  die  Regierungen  an  wirksamer  Pflege  des
jungen  Keimes,  und  die  Pflanze  verdarb,  die  wenigen  Fabriken  gingen  zugrunde,  und
erst  Ende  der  zwanziger  Jahre  ward  in  Deutschland  wie  in  Österreich  der  erneute  und
diesmal  dauernd  erfolgreiche  Versuch  begonnen,  eine  eigene  Rohzuckerindustrie  zu  schaffen.
Das  damals  weltbehcrrschende  Frankreich  hatte  unter  dem  Schutze  seines
allmächtigen  Kaisers  den  deutschen  Gedanken  aufgenommen  und  eine  Reihe  von  Fabriken
begründet,  die  unter  dem  Einfluß  der  Kontinentalsperre  eine  Zeit  lang  fröhlich  gediehen,
dann  siechten,  aber  nicht  zugrunde  gingen  und  schließlich  nach  mannigfaltigen,  technischen
Verbesserungen  sich  als  dauernd  lebensfähig  erwiesen,  so  daß  Ende  des  dritten  Jahrzehntes ­
  bereits  58  Fabriken  im  Betriebe  waren.  Auch  Rußland  hatte  schon  zu  einer
Zeit,  ehe  Deutschland  seinen  zweiten  Versuch  unternahm,  über  eine  stattliche  Zahl  von
Fabriken  zu  verfügen;  aber  den  Franzosen  gebührt  das  Verdienst,  daß  sic  die  deutsche
Erfindung  großgezogen  und  konkurrenzfähig  gemacht  haben.
Leute  ist  Deutschland  das  erste  Zuckerland  der  Welt,  das  den  meisten  Zucker
für  den  Weltmarkt  erzeugt,  und  das  sich  gleichmäßig  rühmen  darf,  die  Zucht  der
Rüben  und  die  technische  Verarbeittmg  derselben  zu  einer  bisher  nicht  erreichten  Vollkommenheit ­
  gebracht  zu  haben.  Aus  den  kleinen  Zuckerkochereien,  die  wenige  Zentner
            
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