Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

352  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  !.  Weltwirtschaft.
Die  Bewegung  ist  organisiert  in  großen  Vereinigungen,  die  im  Wege  von  freiwilligen ­
  Beiträgen  ihrer  in  der  Hauptsache  aus  Interessenten  und  Intcressentenverbänden
bestehenden  Mitglieder  die  Mittel  zur  Förderung  der  Baumwollkultur  in  neuen  Gebieten
aufbringen.  In  Deutschland  hat  das  Kolonialwirtschaftlichc  Komitee  sich  bereits
im  Jahre  1900  entschlossen,  unter  Verzicht  auf  weitere  theoretische  Erörterung  in  der
Kolonie  Togo  einen  praküschen  Versuch  mit  der  Einführung  der  Baumwollkultur  nach
einem  wohlvorbereiteten  und  systematischen  Plane  zu  unternehmen.  In  England  wurden
die  von  einzelnen  Handelskammern  (vor  allen  von  Oldham,  Manchester  und  Liverpool) ­
  ausgehenden  Bestrebungen  im  Mai  1902  in  der  „British  Cotton  Growing
Association“  zusammengefaßt.  Im  Januar  1903  gründeten  die  französischen  Baumwollinteressenten
  nach  dem  deutschen  und  englischen  Vorbild  die  „Association  Cottoniere
  Coloniale“,  und  noch  in  demselben  Jahre  taten  sich  die  belgischen  Interessenten
gleichfalls  zu  einer  „Association  Cottoniere“  zusammen.
Es  ist  natürlich,  daß  die  einzelnen  Vereinigungen  ihr  Augenmerk  zunächst  auf
die  für  den  Baumwollbau  geeigneten  Kolonien  ihres  Heimatlandes  richteten;  daß  sie
auf  Grund  der  bisherigen  Kenntnisse  und  Erfahrungen  in  eine  Prüfung  darüber  eintraten, ­
  welcher  Teil  ihres  Kolonialbesitzes  für  die  Einführung  einer  leistungsfähigen
Baumwollkultur  den  besten  Erfolg  verspreche.
Soviel  bis  jetzt  feststeht,  kommen  in  erster  Linie  in  Betracht  die  westafrikanischen
Kolonien  Englands,  Frankreichs  und  Deutschlands,  in  denen  die  klimatischen  Verhältnisse,
die  Bodenbeschaffenheit  und  die  Bevölkerung  besonders  günstige  Vorbedingungen  für
den  Baumwollanbau  darstellen.  Die  einheimische  Baumwolle  ist  allerdings  überwiegend
in  einem  mehr  oder  weniger  verwilderten  Zustand,  aber  es  haben  sich  auch  unter  den
einheimischen  Arten  Qualitäten  gefunden,  die  der  Durchschnittsqualität  der  amerikanischen
Baumwolle  überlegen  sind,  und  vor  allem  hat  es  sich  als  möglich  gezeigt,  durch
Krellzungen  und  rationelle  Kulturmethoden  ein  Produkt  zu  gewinilen,  das  es  mit  dem
amerikanischen  durchaus  aufnehmen  kairn.
Neben  Westafrika  scheinen  vor  allem  Britisch-  und  Deutsch-Ostafrika,  sowie
Britisch-Zentralafrika  günstige  Aussichten  zu  bieten,  und  zivar  nameiltlich  für  die  Produktion ­
  einer  der  ägyptischen  Baumwolle  nahekommenden  Qualität.  Es  wird  namentlich
in  England  viel  bemerk,  daß  —  während  bisher  alle  Versuche,  die  ägyptische  Baumwolle
in  Amerika  oder  Indien  zu  naturalisieren,  gescheitert  sind  —  die  ägyptische  Baumwolle  in
Ostafrika  ihre  charakteristische  und  wertvolle  Eigenschaft,  den  langen  und  seidenartigen
Stapel,  behält.  Eine  Baumwollprobe  aus  Deutsch-Ostafrika  wurde  von  der  Liverpooler
  Baumwollbörse  als  „the  best  Egyptian  Substitute  ever  produced“  bewertet.
Abgesehen  von  den  beiden  genannten  Länderkomplexen,  kommen  für  die  Versuche
mit  Baumwollkulturen  in  dem  großen  „Cotton  Belt“  natürlich  noch  zahlreiche  andere
Gebiete  in  Betracht;  für  die  Engländer  vor  allem  Westindien,  woher  vor  hundert
Jahren  England  die  Äälfte  seines  Bedarfs  an  Rohbaumwolle  bezog;  für  Deutschland
außerhalb  seines  eigenen  Kolonialreichs  vor  allem  gewisse  Gebiete  in  Kleinasien,  in
denen  lvir  heute  schon  größere  wirtschaftliche  Interessen  haben.
Kurz,  es  ist  ein  gewaltiges  und  aussichtsvolles  Feld,  das  der  Tätigkeit  der
europäischen  Baumwollvereinigungen  offensteht.  Aber  auch  darüber  darf  man  sich
wohl  keinen  Illusionen  hingeben,  daß  es  großer  Aufwendungen  sowie  einer  ausdauernden
und  planmäßigen  Arbeit  bedürfen  wird,  um  dieses  Feld  für  die  europäische  Baumwollindustrie
  nutzbar  zu  machen.
Das  deutsche  Kolonialwirtschaftlichc  Komitee  darf  stolz  darauf  sein,  daß  es  nicht
nur  den  Anstoß  zu  der  wirksamen  Organisation  der  kolonialen  Baumwollkulturversuche
gegeben  hat,  sondern  daß  es  auch  mit  seiner  Arbeitsmethode  —  namentlich  in  Westafrika ­
  —  vorbildlich  gewirkt  hat.  Dieses  große  Verdienst  wird  auch  vom  Auslande
neidlos  anerkannt.
            
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