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1. Der Übergang Deutschlands vom Agrarstaate zum Industriestaate. 355
in zweiter Linie heranzuziehen. Die Kauptursache der Zunahme der gewerblichen
Quote der Bevölkerung bis 1871 ist im Grunde höchst einfacher Natur. Sie liegt
in der fortschreitenden Loslösung der gewerblichen Tätigkeit von der .Hauswirtschaft
und ihrer Verselbständigung zu besonderen Berufen. Bei immer mehr Gewerbe-
erzeugnissen tritt an die Stelle der familienwirtschastlichen Eigenproduktion die berufs
mäßige gewerbliche Verstellung. Lind dieser Prozeß, z. B. das Aufhören des Spinnens
und Webens für den eigenen Bedarf, war unbedingt notwendig, wenn man der
Vorteile der neuen Technik, die für diese Gewerbe im 18. Jahrhundert erfunden worden
war, teilhaftig werden wollte. Nur bei einer Produktion im großen konnten die neuen
Arbeitsmethoden ihre gewaltig verbilligende Wirkung entfalten. Infolgedessen ist nicht
nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern im 19. Jahrhundert die gewerbliche
Arbeit im Kaufe für die Bedürfnisse des Kaufes, die zu Anfang des Jahrhunderts
noch so erheblichen Amfang besaß, imnier mehr eingestellt worden. Das Spinnen und
Weben, das Nähen nnd Schneidern, das Backen und Schlachten, das Seifekochen
und Lichterziehen, das Bierbrauen und Krauteinlegen und noch eine ganze Reihe
anderer gewerblicher Arbeiten, sie hören zunehmend auf, hauswirtschaftliche Tätigkeiten
zu sein, und verselbständigen sich zu besonderen gewerblichen Berufen. Statistisch stellt
sich der Vorgang aber als eine Zunahme der gewerblichen auf Kosten der landwirt
schaftlichen Quote der Bevölkerung dar.
Eigentlich handelt es sich dabei freilich, wie unschwer zu erkennen, nur uni eine
scheinbare Verschiebung. Denn die Landwirte, deren Zahl nach der Statistik abnimmt,
dürfen nur cum g7ano salis als Landwirte bezeichnet werden. In Wirklichkeit sind
sie Berufszwitter, die vielleicht 2 /a ihrer Arbeitszeit mit landwirtschaftlichen und Vz mit
gewerblichen Arbeiten beschäftigt sind. Wenn nun an Stelle dieses Zustandes ein
neuer tritt, bei dem sich die Landwirte viel ausschließlicher der Arproduktton widmen,
auf die Eigenproduttion der von ihnen gebrauchten Gewerbeprodutte aber verzichten,
diese vielmehr von fremden Wirtschaften fertig beziehen, so ist klar, daß in der Stattstik
hieraus eine prozentuale Zunahme der Gewerbtreibenden sich ergeben muß. Denn
die Stattstik ermittelt ja nur, wieviel Menschen sich berufsmäßig den verschiedenen
Produttionszwcigen widmen, — und die Zahl der berufsmäßigen Gewerbtreibenden
nimmt naturgemäß durch diese Entwickelung zu — sie untersucht aber nicht, wieviel
gewerbliche Arbeit früher und jetzt in den einzelnen Laushaltungen geleistet worden ist.
In Wahrheit handelt es sich aber bei dem Vorgang, der statistisch als ein relattves
Wachstum der Industrie erscheint, nicht um einen Rückgang der Landwirtschaft, sondern
nur um eine Einschräntting der hausgewerblichen Eigenproduktton. Die wirkliche volks
wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft wird jedenfalls durch diesen Vorgang an
sich nicht vermindert.
Zu dieser ältesten und vielleicht wichtigsten Arsache der wachsenden Industrialisierung
der modernen Kulturstaaten gesellt sich als zweiter in der gleichen Richtung wirkender
Amstand die zunehmende Ersetzung organisierter durch unorganisiette Materie, wie
Sombart, der zuerst hierauf aufmerksam gemacht hat, den Vorgang treffend bezeichnet.
Wenn z. B. das Kolz als Brennmaterial durch die Kohle und als Baumaterial beim
Käufer-, Brücken- und Schiffsbau durch das Eisen verdrängt wird, so ergibt sich hieraus
in der Berufsstatistik ein Anwachsen der Industrie, weil die im Bergbau und in den
Eisengewerben beschäftigten Personen der Berufsabtcilung Industrie zugezählt werden.
Das gleiche Resultat wird erzielt, wenn an die Stelle des tierischen Motors in Berg
bau und Industrie die Dampfmaschine tritt, wie dies bei uns um die Mitte des letzten
Jahrhunderts in großem Amfange geschah. Ein erheblicher Teil der Verschiebung,
die in den Anteilen der landwirtschaftlichen und der gewerblichen Bevölkerung an der
Gesamtvolkszahl eingetreten ist, ist auf Rechnung dieses Amstandes zu setzen.