Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

356  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  II.  Industriestaat.

Neben  diesen  beiden  Äauptursachen,  welche  vor  1870  die  Ambildung  Deutschlands
vom  Agrarstaat  zum  Industriestaat  bewirkt  haben,  hat  nun  aber  auch  schon  in  dieser
Zeit  die  Gestaltung  des  Handelsverkehrs  mit  dem  Auslande  eine  Rolle  gespielt,  wenn
auch  nur  eine  Rolle  von  sekundärer  Bedeutung.  Es  ist  durchaus  falsch,  wenn  man
Deutschland  als  ein  Land  hinstellt,  das  im  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  noch  über
einen  großen  Überfluß  an  Bodenprodukten  verfügte,  von  dem  es  einen  Teil  dem  Auslande
  mitteilte.  Allerdings  hat  Deutschland  damals  einen  beträchtlichen  Getreide-,  Lolzund
  Schafwolleexport  gehabt,  allein  bei  Bodenproduktcn  im  ganzen  ergibt  sich  keine
Mehrausfuhr,  sondern  im  Gegenteil  eine  Mehrcinfuhr.  Soweit  wir  den  deutschen
oder  wenigstens  den  preußischen  Außenhandel  statistisch  zu  verfolgen  in  der  Lage  sind,
immer  zeigen  die  Zahlen,  daß  Deutschland  das  ganze  19.  Jahrhundert  hindurch  in
gewissem,  wenn  auch  zunächst  noch  recht  bescheidenem  Amfange  ein  Exportindustriestaat
gewesen  ist,  d.  h.  daß  bei  Bodenprodukten  seine  Einfuhr  größer  war  als  seine  Ausfuhr,
während  bei  industriellen  Fabrikaten  umgekehrt  der  Export  den  Import  übertraf.  Die
Kargheit  des  deutschen  Bodens  machte  es  den  Bewohnern  unseres  Vaterlandes  auch
damals  schon  unmöglich,  die  Bodenprodukte,  die  sie  in  Form  von  Nahrungs-  und
Genußmitteln  sowie  von  Rohstoffen  von  auswärts  bezogen,  dem  Auslande  wieder  mit
Bodcnerzeugnissen  zu  bezahlen,  sondern  sie  mußten  ihm  für  die  empfangenen  Agrarprodukte ­
  zum  großen  Teil  Erzeugnisse  des  deutschen  Gewerbefleißes,  insbesondere
Gewebe,  anbieten.  Die  Kolonialwaren,  welche  Deutschland  in  den  ersten  Jahrzehnten
des  letzten  Jahrhunderts  einführte,  wurden  zum  großen  Teil  insbesondere  mit  schlesischer
Leinwand  bezahlt.  And  nicht  einmal  den  gesamten  Flachs,  den  die  deutsche  Leinenindustrie
  damals  verarbeitete,  konnte  Deutschland  selbst  produzieren.  Der  Libergang
zum  Exportindustriesystem,  den  die  deutsche  Volkswirtschaft  nach  der  Wiedererrichtung
des  Reichs  in  beständig  wachsendem  Maße  vollzog,  war  also  nichts  absolut  Neues  für
Deutschland.  Neu  und  unerhört  war  nur  das  Tempo,  in  dem  seit  1871  und  speziell
in  den  letzten  beiden  Jahrzehnten  des  Jahrhunderts  die  Ausbreitung  der  Exportindustrie
vor  sich  ging.  Vor  der  Gründung  des  Reichs  belief  sich  die  Mehrausfuhr  an
Fabrikaten  erst  auf  einige  100  Millionen  Mark,  am  Schluß  des  Jahrhunderts  dagegen
betrug  sie  über  1  Vs  Milliarde.  In  diesem  beschleunigten  Anwachsen  der  Exportindustrie
haben  wir  die  Hauptursache  dafür  zu  erblicken,  daß  auch  nach  1871  die  Zunahme  des
industriellen  auf  Kosten  des  agrarischen  Deutschland  noch  weitere  Fortschritte  gemacht
hat.  Nach  1870  liegen  also  die  Wurzeln  dieser  Erscheinung  nicht  mehr  hauptsächlich
in  den  internen  deutschen  Verhältnissen,  sondern  sie  sind  in  erster  Linie  zu  suchen  in
der  Gestaltung  der  Handelsbeziehungen  zum  Auslande.  Daneben  hat  sich  allerdings
auch  nach  1870  der  Prozeß  des  Aufhörens  der  gewerblichen  Eigenproduktion  und  der
Ersetzung  organisierter  durch  unorganisierte  Materie  noch  weiter  fortgesetzt.  In  der
letzteren  Beziehung  erinnere  ich  nur  an  die  gewaltige  Entwickelung  der  chemischen
Industrie  seit  1870,  die  zu  einem  nicht  geringen  Teile,  wie  z.  B.  bei  der  Verdrängung
der  von  der  Landwirtschaft  angebauten  Farbpflanzen  durch  die  aus  dem  Steinkohlenteer
gewonnenen  Farbstoffe,  mit  dem  zuletzt  erwähnten  Vorgang  zusammenhängt?)
Die  wirtschaftlichen  Beziehungen  Deutschlands  zum  Auslande  haben  indessen
nicht  bloß  auf  dem  Wege  der  Ausbreitung  des  Exportindustricsystems  den  Übergang
Deutschlands  zum  überwiegenden  Industriestaat  gefördert.  Betrachtet  man  die  neueste
ökonomische  Entwickelung  Deutschlands  lediglich  unter  dem  Gesichtspunkte  des  Übergangs
zum  Exportindustrialisinus,  so  stößt  man  auf  eine  mit  dieser  Annahme  in  keiner
Weise  zu  vereinigende  Tatsache,  nämlich  die  Tatsache,  daß  unsere  Produktion  auf
industtiellem  Gebiete  offenbar  schneller  wächst  als  unsere  Ausfuhr  an  Fabrikaten,  und
daß  demgemäß  unsere  Fabrikatenausfuhr  einen  abnehmenden  Teil  unserer  industtiellcn

*)  s.  de»  Aufsatz  von  L.  L.  6uber  „Die  chemische  Industrie"  S.  326  -  528.  —  G.  M.
            
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