Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Die  Gefahren  des  Industriestaates.

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Weiter  als  der  landwirtschaftliche  -Unterbeut  reicht,  kann  aber  die  industrielle  Etage
natürlich  nicht  fortgesetzt  werden,  —  es  sei  denn,  daß  ihre  Bewohnerschaft  von  ausländischer ­
  Nahrung  lebt  und  ihre  Fabrikate  gegen  diese  ausländische  Nahrung  eintauscht,
also  Exporündustrie  wird,  die  für  das  Ausland  arbeitet  und  vom  Auslande  lebt.  Das
industrielle  Stockwerk  wächst  dann  seitlich  weiter  in  die  Lust  hinaus  und  über  die
Landesgrenze  hinaus,  über  fremden  Boden  hin,  künstlich  gestützt  auf  die  Pfeiler  des
auswärtigen  Handels,  die  auf  fremdem  Grund  und  Boden  ruhen,  von  dem  es  seine
Nahrung  bezieht.  Mit  dem  Augenblick,  wo  eine  solche  Exportindustrie  anseht  und
also  die  Entwicklung  zum  Industriestaat  beginnt,  verschiebt  sich  der  Schwerpunkt  des
volkswirtschaftlichen  Körpers  nach  außen;  mit  Kilfe  der  künstlichen  Pfeiler  kann  er
zwar  sich  halten,  aber  diese  Pfeiler  auf  fremdem  Boden  stehen  nur  so  lange,  als  der
Eigentümer  des  fremden  Bodens  sie  stehen  läßt.  Wenn  er  eines  Tages  den  Boden
selbst  benutzen  will,  so  stürzt  mit  den  Pfeilern  der  überragende  Etagenbau  zusammen.
Wenn  wir  eine  Exportindustrie  von  5  Millionen  Menschen  gründen,  die  von
amerikanischem  Getreideüberschuß  lebt,  so  sind  diese  5  Millionen  mit  ihrer  künftigen
Existenz  eben  darauf  angewiesen,  daß  das  amerikanische  Getreide  dauernd  überschüssig
und,  speziell  für  sie,  im  Austausch  mit  ihren  Fabrikaten  verfügbar  sei.  Alle  Exportindustrie ­
  ist  ihrer  Natur  nach  prekär,  und  in  diesen  immer  prekäreren  Zustand  treibt
der  Industriestaat  hinein.
Solange  die  Exportindustrie  klein  ist,  hat  das  nicht  viel  zu  sagen.  Wenn  sie
aber  von  Jahr  zu  Jahr  um  sich  greift  und,  wie  in  England,  die  große  Mehrzahl  der
Bevölkerung  umfaßt,  so  steht  die  ganze  Volkswirtschaft  auf  Stützen,  und  der  Zusammenbruch ­
  dieser  Stützen  wäre  das  Ende  der  Naüon.  Entwicklung  zum  Industriestaat  heißt
Abhängigkeit  vom  Ausland,  und  Volkswirtschaft  auf  eigener  Nahrungsbasis  heißt
Unabhängigkeit.  Eine  Nation  darf  Industriestaat  nur  werden,  wenn  sie  der  Dauer
ihres  auswärtigen  Kandels  sicher  ist.
Die  heute  übliche  Pflege  der  Exporündustrie  ist  eine  kurzsichtige  Politik  nach  dem
Kerzen  des  Kapitals.  Die  wachsende  exportindustrielle  Bevölkerung  findet  in  einer
nicht  fernen  Zukunft  weder  Absatz  für  ihre  Produkte  noch  Brot  für  ihre  Existenz.
Das  Brot  wird  zunächst  verteuert  werden;  aber  bei  sinkendem  Werte  des  Exports  und
bei  abnehmender  Zinszahlung  von  seiten  des  Auslandes  wird  das  Brot  nicht  einmal
zum  alten  Preise  bezahlbar  sein.  Die  Brotländer  werden  in  der  Lage  sein,  der  alten
Welt  ihre  Bedingungen  zu  diktieren.  Nur  durch  politischen  Zwang  wäre  dieser
Abhängigkeit  zu  entgehen,  dadurch  also,  daß  wir  mit  Waffengewalt  Amerika  zwingen,
uns  länger  Getreide  zu  liefern,  als  seinem  wirtschaftlichen  Interesse  entspricht.  Das
heißt,  wir  müßten  die  wirtschaftlich  aufstrebenden  Staaten  zwangsweise  auf  der  Stufe
des  Agrarstaats  zurückhalten.  Ich  kann  mir  schlechterdings  kein  Bild  davon  machen,
wie  das  geschehen  soll,  und  halte  auch  den  wahrscheinlichen  Erfolg  einer  Messung  der
Kräfte  für  ungünstig;  nicht  weil  wir  an  sich  die  Schwächeren  wären,  sondern  weil  wir
in  diesem  Kampfe  die  idealen  Mächte  gegen  uns  hätten:  das  berechtigte  Sweben  nach
nationaler  Entwicklung.
Die  andere  Konsequenz  ist  die  Arbeitslosigkeit  und  Brotlosigkeit  der  exportindustriellen ­
  Bevölkerung,  und  zwar,  was  zu  betonen  ist,  eine  plötzliche  Brotlosigkeit,
und  ferner,  unter  der  Voraussetzung,  daß  es  noch  eine  Anzahl  Jahrzehnte  bis  dahin
Zeit  hat,  eine  plötzliche  Brotlosigkeit  ungeheurer  Massen.  Gerade  in  der  Plötzlichkeit
liegt  hier  die  schlimmste  Verschärfung  der  Gefahr.  Diese  Plötzlichkeit  aber  ist  nicht
nur  möglich,  sondern  ist  wahrscheinlich,  weil  die  wirksamen  Faktoren,  die  die  Zuspitzung
der  Konkurrenz  bedingen,  ihrer  Natur  nach  sich  gegenseitig  zu  beschleunigtem  Tempo
steigern.  Man  nehme  einmal  an,  Amerika  sei  nach  so  und  so  viel  Jahren  soweit,
Europa  entbehren  zu  können;  die  betreffende  Pattei  gewinnt  die  Mehrheit,  und  mit
amerikanischer  Raschheit  wird  ein  eigentlicher  Prohibitivzoll  erttchtet.  Die  verschärfte
            
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