364 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. II. Industriestaat.
doch die Verschiedenheit der natürlichen wie der sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse eine
ungleich größere als zwischen den Ländern der ersteren Gruppe?
„Die Natur" — sagt Sbume — „hat dadurch, daß sie den einzelnen Völkern
so ungleiche Gaben, so verschiedene Klimate und Böden zuwies, den Austausch unter
ihnen so lange gewährleistet, als sie alle arbeitsam und zivilisiert bleiben".
Wer glaubt, daß Industrialisierung der Rohstoffstaaten Emporkommen gleicher
Industrien wie in den westeuropäischen Ländern bedeute, hat sich den Einfluß der
Differenz der natürlichen Verhältnisse auf die Gestaltung der Fabrikation nicht klar
gemacht.
Engels schreibt: „Die Bedingungen der modernen Industrie, Dampfkraft und
Maschinerie, sind überall herstellbar, wo cs Brennstoffe, namentlich Kohlen, gibt, und
andere Länder neben England haben Kohlen: Frankreich, Belgien, Deutschland,
Amerika, selbst Rußland". And Oldenberg: „Die natürlichen Voraussetzungen, . . .
namentlich Eisen- und Brennstoffvorräte, fehlen den wichtigsten Konkurrenzländern nicht,
sind vielmehr zum Teil in Aülle und Fülle vorhanden."
Gewiß, — jene Äilfsstoffe gibt cs vielerorts. Äat aber das Dasein von Kohlen
und Eisenerzen bewirkt, daß die Völker, die deren Besitzes sich freuen, alle gleiche
Fabrikatiouszweige betreiben? Mit nichte»; ihre industrielle Physiognomie ist grund
verschieden.
Einmal deshalb, weil es nicht nur auf das Dasein von Kohlen und Eisenerzen
ankommt, sondern auch auf deren Qualität (z. B. Koksbarkeit der Kohlen) und
Quantität, wie auf deren Produktionskosten und Transportkosten.
Bezüglich dieser Momente walten aber stärkste Differenzen. England erscheint
als der von Natur meistbegünstigte Staat. In Deutschland müssen wir die Kohlen
zu den Erzen oder die Erze zu den Kohlen fahren, während sie in England dicht bei
einander sich finden. In Frankreich sind die „schwarzen Diamanten" wie das Eisen
spärlich gesäet. Selbst wenn — was keineswegs der Fall ist — alle sonstigen Voraus
setzungen der Industrie in diesen drei Ländern gleichstünden, müßte der Schwerpunkt
dort in andere Industrien fallen wie hier.
In Italien und in der Schweiz fehlen Eisen- wie Brennstoffvorräte, — trotzdem
ist die Schweiz, dank des Reichtums an Wasserkräften, einer der führenden Industrie
staaten geworden; aber sie betreibt andere Industrien wie England usw.
Spanien wie Rußland haben Kohlen- und Eisenerze, aber das Lagemoment
steht hier ungünstig; in Nordamerika weit günstiger. Mag sein, daß in Südamerika
wie Asien, wie Afrika, wie Australien „die natürlichen Voraussetzungen der Industrie"..,
„in Äülle und Fülle vorhanden sind", — in jedem Lande liegen sie verschieden, und
diese Verschiedenheit führt dahin, daß hier vorzugsweise diese, dort vorzugsweise jene
Industrien gepflegt werden.
Zweitens aber: selbst wenn, was das „Brot der Industrie" anlangt, die Terri
torien des Erdballs sich glichen wie ein Ei den, anderen, so würde ihre Fabrikation
durchaus nicht gleiche Bahnen wandeln. Denn nicht jene Lilfsstoffe, so wichtig
sie auch sind, entscheiden über die industrielle Physiognomie, sondern die Rohstoffe,
die der Verarbeitung sich darbieten, hinsichtlich der Rohstoffe aber — der agrikolen
wie der montanen — sind die Territorien unendlich ungleich ausgestattet. Schon die
westeuropäischen Industriestaaten weisen, auf engem Raume, starke Verschiedenheiten
auf, z. B. hinsichtlich der Produktionsbedingungen von Weizen, Roggen, Gerste,
Zuckerrüben, Kartoffeln, Flachs, Lolz, Blei, Kupfer, Zinn, Zink usw.
Beträchtlich größer ist die Differenz zwischen Westeuropa und dem übrigen
Europa. Noch weit größer die Differenz zwischen den Ländern der gemäßigten Zone
und denen der Subtropen und der Tropen.