366 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen.
das dürfen wir mit Sicherheit behaupten, daß — wenn die Entwickelung, welche unseren
Exportpessimisten als ein trübes Gespenst erscheint, wenn das industrielle Emporkommen
der Rohstoffstaaten helle Wirklichkeit geworden sein wird, der Außenhandel Westeuropas
nicht hcrabgehen, sondern sich ausdehnen wird, — das Netz weltwirtschaftlicher Ver
schlingung der Nationen aller Kontinente nicht loser sondern fester werden, der Reichtum
derer, die in diesem Netze hängen und von ihm „abhängen", nicht sinken, sondern, dank
der Steigerung der Produktivität durch Vervollkommnung der territorialen Arbeits
teilung, steigen wird.
III. Sonstige handelspolitische Kernfragen.
1. Zur Begründung der Freihandelslehre.*)
Von Lujo Brentano.
Brentano, Das Freihaudelsargunient. Erweiterter Vortrag. Berlin-Echönebera, Buch
verlag der „ftilfe" (Fr. Naumann), tdM. S.
Welches sind die Produkte, die ein Land mit Freihandel herstellt, und die es
in das Ausland hinausschickt, um seinen Bedarf mit größerer Arbeits- und Kapital
ersparnis zu decken? Stellt ein Freihandelsland etwa alle Produkte her, die es billiger
als das Ausland erzeugen kann?
Es sind schon mehr als 80 Jahre her, seit Torrens und dann Ricardo, denen
die beiden Mill und die Späteren gefolgt sind, die eben aufgeworfenen Fragen
beantwortet haben.
Das Prinzip der Wirtschaftlichkeit lautet: Befriedige mit dem geringstmöglichen
Aufwand möglichst vollkommen deine Bedürfnisse. Bei seiner folgerichtigen Durch
führung hütet sich ein Freihandelsland, alle Produkte herzustellen, die es billiger als
das Ausland herstellen kann. Es ist nicht die Differenz in den absoluten Produktions
kosten eines Gutes, welche bestimmt, in welchem Land ein jedes Gut produziert wird.
Mitunter wird ein Gut am billigsten beschafft, indem es aus einem Land bezogen
wird, wo es mit größeren Kosten hergestellt wird, als es dort hergestellt werden könnte,
wo man es kauft. Ein Beispiel wird das veranschaulichen. Angenommen, die
Produktion von 1000 Ballen Tuch koste die Jahresarbeit von 100 Engländern, und
die von 100 Tonnen Wein würde die Jahresarbeit von 120 Engländern kosten. Es
würde also für England vorteilhaft sein, für 1000 Ballen Tuch 100 Tonnen Wein
zu erhalten, denn es würde dabei 20 Jahresarbeiten ersparen. Angenommen femer,
in Portugal koste die Produktion von 100 Tonnen Wein die Jahresarbeit von nur
80 Portugiesen, die .Herstellung von 1000 Ballen Tuch die von 90 Portugiesen. In
diesem Fall würden die Portugiesen also sowohl den Wein als auch das Tuch billiger
als die Engländer herzustellen vermögen, den Wein um 40 Jahresarbeiten, das Tuch
um 10 Jahresarbeiten billiger. Trotzdem führen die Portugiesen gemäß dem Prinzip
der Wirtschaftlichkeit nicht nur Wein nach England aus, sondern führen auch Tuch
von dort ein, obwohl sie das Tuch um 10 Jahresarbeiten billiger als die Engländer
*) vgl. hierzu den vorhergehenden Aufsatz von Heinrich Dietzel „Über die Bedeutung
einer Industrialisierung der heutigen Rohstoffstaaten für die Lxportindustrie Englands, Deutsch
lands usw." bes. 5. 562 f. — <8 ITT.