Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Freihandel  und  Schutzzoll  im  Lichte  der  Geschichte.

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Länder  zurücksteht,  zur  Konkurrenzfähigkeit  mit  dem  Ausland  zu  erziehen.  Hier  werden
den  Konsumenten  allerdings  Opfer  im  Interesse  gewisser  Produktionszweige  zugemutet,
aber  nur  vorübergehend;  auch  hat  der  Konsument  hier  den  Trost,  daß  sein  Opfer
wirklich  der  Gesanitheit,  deren  Produktivkraft  erhöht  wird,  zugute  kommt.  Wo  es
dagegen  ausgeschlossen  war,  daß  ein  Erwerbszweig  durch  jene  Opfer  zur  freien  Konkurrenzfähigkeit ­
  mit  dem  Ausland  erzogen  werden  könne,  wo  demnach  der  staatliche
Schuh  nichts  anderes  bedeutet  als  die  dauernde  Benachteiligung  der  Mehrzahl  zugunsten
weniger,  haben  die  Genannten  alle  künstlichen  Maßnahmen  zu  deren  Schutz  aufs
entschiedenste  verurteilt.  Daher  denn  auch  der  Satz  Friedrich  Lists:  „Die  innere
Agrikultur  durch  Schutzzölle  heben  zu  wollen,  ist  ein  törichtes  Beginnen". ­

Lamilton,  Chaptal  und  List  fühlten  sich  in  bewußtem  Gegensatz  zu  Adam  Smith,
und  in  der  Tat  hat  dieser  Erziehungszölle  ausdrücklich  abgelehnt.  Allein  auch  ihr
Ziel  war  die  freie  Konkurrenz  der  zur  Konkurrenzfähigkeit  erzogenen  Erwerbszweige
auf  dem  Weltmarkt.  Die  innere  Konkurrenz  der  gegen  das  Ausland  geschützten
nationalen  'Betriebe  sollte  diese  zur  Konkurrenzfähigkeit  mit  dem  Ausland  erziehen,
worauf  der  Schutz  wegfallen  sollte.  Auch  Lists  Ziel  war  also  der  Freihandel.  Daher
so  ausgesprochene  Freihändler  wie  I.  B.  Sah  und  John  St.  Mill  sich  seiner  Befürwortung ­
  von  Erziehungszöllen  angeschlossen  haben.

2.  Freihandel  und  Schutzzoll  im  Lichte  der  Geschichte.
Bon  Gustav  Schmoller.
Schmoller,  Der  Übergang  Deutschlands  zum  Schutzzollsystem.  Zn:  Zur  Sozial-  und
Gewerbepolitik  der  Gegenwart.  Leipzig,  Duncker  &  ksumblot,  I8go.  S.  ,68—17«.
Von  den  ältesten  Völker-  und  Stammesbeziehungen  bis  herab  zur  Gegenwart
mit  ihrem  internationalen  Recht  und  ihren  Meistbegünstigungsklauseln  scheint  es  eine
ununterbrochene  Kette  des  Fortschritts,  daß  man  erst  den  Fremden  nicht  mehr  totschlägt, ­
  dann  ihn  nicht  mehr  zum  Sklaven  macht,  dann  ihn  erst  zu  schlechterem  Recht
im  Verkehr  zuläßt,  aber  friedlich  mit  ihm  zu  tauschen  beginnt  lind  zuletzt  ihn  und  seine
Waren  nach  allen  Seiten  als  gleichberechtigt  anerkennt:  das  ist  die  eine  Seite  der
volkswirtschaftlichen  Geschichte,  die  der  bewundernde  Freihändler  allein  kennt.  Aber
daneben  steht  die  andere  Seite,  die  er  immer  wieder  übersieht,  steht  die  ebenso  sichere
Tatsache,  daß  dieser  Fortschritt  sich  nur  vollzogen  hat  durch  zahllose  Kämpfe  hindurch,
in  denen  nur  die  Stämme,  die  Völker,  die  Nationen  obenankamen,  die  auch  auf
volkswirtschaftlichem  Gebiete  sich  als  eine  solidarische  Einheit  nach  außen  fühlten,  sich
auch  auf  diesem  Gebiete  durch  einen  zähen,  energischen,  unerbittlichen,  nattonalen
Egoismus  leiten  ließen.  Die  Phöniker  und  Ägypter,  die  Griechen  und  die  italienischen
Landelsstaaten  des  Mittelalters  haben  so  gehandelt,  sie  waren  zähe,  verschlagene,  konsequente ­
  Schutzzöllner  und  Merkanttlisten,  wie  es  die  sämtlichen  großen  Nationalstaaten
Europas  vom  16.  bis  ins  19.  Jahrhundert  waren,  wie  es  die  Amerikaner  und  englischen
Kolonisten  jetzt  wieder  sind.  Alle  haben  die  Benachteiligung  der  fremden  Personen
und  Ländler  wie  der  fremden  Waren  als  ein  Kampfmittel  gegen  andere  Völker,  gegen
schwächere  und  stärkere  gebraucht;  sie  haben  es  oft  mißbraucht;  sic  haben,  wenn  sie  es
zri  einseitig  brauchten,  zu  sehr  die  fremde  Konkurrenz  abschlössen,  sich  selbst  damit
geschadet,  unter  Umständen  sich  sogar  zugrunde  gerichtet,  —  wie  die  Venetiancr  und
die  Spanier.  Aber  zugleich  sehen  wir,  daß  die  Völker  lind  Staaten,  je  größer  und
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