Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

374  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  III.  Sonstige  Kernfragen.
nicht  den  Nordamerikanern  zuliebe  auf  ihre  wirtschaftliche  und  mit  dieser  auf  ihre
politische  Selbständigkeit  zu  verzichten.  Im  Gegenteil,  sie  haben  ein  Panamerika  auf
das  Entschiedenste  zu  fürchten,  denn  dadurch  würde  ihre  in  der  Entwickelung  begriffene
Industrie  —  und  das  ist  wenigstens  bei  Chile,  Peru,  Brasilien  und  Argentinien  der
Fall  —  schutzlos  der  überlegenen  nordamerikanischen  ausgeliefert,  und  für  den  Verzicht
auf  eine  eigene  industrielle  Entwickelung  würden  sie  nicht  einmal  den  Vorteil  der
billigsten  Deckung  ihres  Bedarfs  an  Industrieerzcugnissen  erkaufen,  da  sie  ja  die  durch
die  Absperrung  verteuerten  nordamcrikanischcn  Fabrikate  abzunehmen  gezwungen  würden.
So  viel  gegenseitige  Feindseligkeit  auch  unter  den  südamerikanischen  Staaten
besteht,  es  ist  mit  ziemlicher  Sicherheit  anzunehmen,  daß  ein  gewaltsamer  Versuch  der
nordamerikanischen  Anion,  ein  Panamerika  zu  erzwingen,  sie  zu  geeinter  Abwehr  verbinden ­
  würde,  und  so  gering  an  und  für  sich  die  Aussichten  auf  ein  gemeinsames
Landein  der  europäischen  Staaten  sind,  ein  solches  Vorgehen  müßte  England,  Deutschland,
Frankreich,  Österreich  -Angarn,  Italien,  Belgien  und  Lolland  geineinsam  in  die  Schrankeil
rufen.  Es  ist  denn  auch  lvieder  ganz  still  geworden  mit  der  Forderung  eines  Panamerika. ­

And  nicht  wesentlich  anders  liegt  cs  mit  dem  Oreaker  Britain.  Denn  Englands
wahres  Interesse  liegt  in  der  Aufrechterhaltung  des  Freihandelssystems,  nicht  darin,  einen
Zollbund  mit  seinen  Kolonien  zu  bilden,  die  wiederum,  solange  England  am  Freihandel
festhält,  für  sich  gar  keinen  Vorteil  erzielen  können,  wenn  sie  seine  Waren  bei  der
Einfuhr  begünstigen.  England  ist  heute  nicht  mehr  vorwiegend  Industriestaat,  sondern
zum  Landelsstaat  vorgeschritten.  Es  ist  der  Bankier  und  der  Frachtführer  der  ganzen
Welt,  und  gegenüber  den  auch  hierin  kräftig  aufstrebenden  andern  Ländern,  vornehmlich
Deutschland,  vermag  es  diese  seine  Stellung  —  auf  der  vorwiegend  seine  wirtschaftliche
und  politische  Macht  beruht  —  nur  durch  den  Freihandel  aufrecht  zu  erhalten.  Jede
Beschränkung  durch  eigene  Zölle  würde  seinen  Lande!  erschweren,  ihm  den  Vorsprung,
den  es  durch  die  völlige  Freiheit  der  Bewegung  vor  andern  Völkern  voraus  hat,  rauben.
In  Wirklichkeit  hat  auch  der  Gedanke  des  „fair  krude"  in  England  sehr  wenig  Boden,
und  das  Oreuter  Britain  ist  ein  schönes  Wort,  au  dem  sich  manche  Leute  berauschen,
dessen  Verwirklichung  sie  aber  energisch  bekämpfen  würden,  sobald  sie  sich  seine
Konsequenzen  klarmachen  würden.
Nuri  ist  zuzugeben,  daß  die  Völker  nicht  immer  das  tun,  was  ihren  Interessen
entspricht;  namentlich  in  Zeiten  leidenschaftlicher  politischer  Erregung  wird  leicht  ein
falscher  Schritt  getan;  auch  die  Entrüstung  über  ein  erlittenes  Anrecht  kann  dazu  führen.
Man  muß  dcnmach  die  Möglichkeit,  daß  England  einen  solchen  Schritt  unternehme»
könne,  nicht  aus  dem  Auge  lassen,  und  da  dies  für  uns  von  großen  wirtschaftlichen
Nachteilen  begleitet  sein  würde,  so  ist  es  nur  klug,  wenn  unsererseits  alles  vermieden
wird,  was  die  Bewegung  für  fair  trade  und  für  Greater  Britain  fördern  könnte.
Das  würde  aber  unzweifelhaft  geschehen,  wenn  wir  andern  Staaten  durch  eine  Zolleinigung ­
  größere  Vorteile  auf  dem  deutschen  Markt  als  England  gewähren  würden,
wenn  —  wie  es  vom  Verein  Süddeutscher  Baumwoll-Industrieller  gelegentlich  der
Kündigung  des  deutsch-englischen  Landelsvcrtrags  beantragt  worden  war  —  wir
England  nicht  die  volle  Meistbegünstigung  gewährten;  eine  Forderung,  die  übrigens
selbst  von  den  anderen  Verbänden  der  Textilindustrie  bekämpft  worden  ist.
Selbst  Rußland  hat  aber  eingesehen,  daß  es  aus  seiner  starren  Isolierung  heraustreten ­
  und  den  Güteraustausch  mit  andern  Nationen  pflegen  muß.  Dieses  vorwiegend
Rohstoffe  exportierende  Land  war  1894  geradezu  gezwungen,  die  handelspolitische  Verständigung ­
  mit  Deutschland  zu  suchen,  und  wenn  es  sich  noch  so  sehr  vergrößert,  es
kann  deshalb  auf  den  Warenaustausch  nicht  verzichten,  sondern  muß  ihn  in  steigendem
Maße  pflegen.
            
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