Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Fürst  Bismarck  als  Landelspolitiker.

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sich  aus  dem  Übergang  unseres  engeren  und  weiteren  Vaterlands  aus  einem  armseligen
und  zerfahrenen  volkswirtschaftlichen  Zustand  in  ein  großes,  mächtiges,  vom  Ausland
unabhängiges  und  modernes  Reich  ergeben,  sind  damit  angedeutet.
Besonders  Bismarcks  Handelspolitik,  die  einen  ganz  bestimmten  und  normalen
Entwickelungsgang  durchgemacht  hat,  zerlegt  sich  gemäß  den  gleichzeitigen  weltwirtschaftlichen ­
  Amwälzungen  in  bestimmte  scharf  abgegrenzte  Phasen.
Otto  v.  Bismarck  war  ursprünglich  Freihändler,  d.  h.  er  dachte  in  diesen
Dingen  ebenso  wie  fast  alle  Parteien,  das  maßgebende  Beamtentum  und  insonderheit
der  Stand  der  ländlichen  Grundbesitzer,  aus  dem  er  selbst  hervorgegangen  war.  Der
Wohlstand  des  preußischen  Ostens  und  Nordostens  beruhte  bis  in  die  siebziger  Jahre
auf  dem  Getteideexport  namentlich  nach  England.  Der  Sieg  des  Freihandels  brachte
für  die  preußischen  Landwirte,  wie  die  Bodenpreisentwickelung  hinlänglich  beweist,  die
glücklichsten  Jahre.  Im  Mittelpunkt  der  Diskussion  stand  die  Frage,  wie  man  am
leichtesten  zum  intensiven  Betrieb  im  landwirtschaftlichen  Gewerbe  übergehen  könne,  —
war  ja  damals  Deutschland  immer  noch  ein  ausgesprochener  Agrarstaat.  Die  gänzliche
Aufhebung  der  Eisenzölle,  die  damit  begründet  wurde,  daß  man  den  Bezug  von
landwirtschaftlichen  Maschinen  aus  Großbritannien  möglichst  erleichtern  wolle,  eine
Maßregel,  die  sich  später  als  verhängnisvoller  Fehler  ersten  Ranges  erwies,  war
getragen  fast  von  der  gesamten  öffentlichen  Meinung.  Bisniarck  tat  nichts  anderes,
als  daß  er  sich  zum  ausführenden  Organ  derselben  hergab  und  ihr  seine  kühne  und
schöpferische  Land  lieh.  Es  fehlte  zwar  nicht  an  den  entgegengesetzten  schutzzöllnerischen
Tendenzen,  die  besonders  von  rheinisch-westfälischen  und  süddeutschen  Industriellen
ausgingen.  Aber  gegenüber  diesen  mehr  partikularistischen  Bestrebungen,  die  denjenigen
der  Feudalaristokratie  im  Wege  standen,  lieferten  die  großen  Landelsmetropolen,  die
vollständig  im  Strome  des  britischen  Manchestertums  segelten,  das  ausschlaggebende
Gegengewicht.  Die  preußisch-deutsche  Landelspoliük  jener  Zeit  entsprach  vollständig
dem  allgemeinen  Zeitgeist,  der  in  dem  französischen  Landelsvertrag  von  1862  seinen
populärsten  Ausdruck  fand.
Die  preußische  Freihandelsära  war  zudem  das  wichügste  Kampfmittel  in  dem
Legemoniestreit  mit  Österreich.  Österreich  wollte  in  den  Deutschen  Zollverein  eintreten,
konnte  es  aber  mit  Rücksicht  auf  seine  Staatsfinanzen  nur,  indem  es  denselben  zum
gemäßigten  Schutzzoll  bekehrte.  Wollte  Bismarck  die  preußische  Machtstellung  im
Deutschen  Bunde  stärken  und  Osterreich-Angarn  aus  der  bereits  gewonnenen  Posiüon
wiederhinausdrängcn,  was  auch  aus  Gründen  der  Währungsverhältnisse  gewichtige
ökonomische  Gründe  für  sich  hatte,  so  mußte  ihm  die  Freihandelsbewegung  als  ein
willkommener  Trumpf  erscheinen,  den  er  gegen  das  Wiener  Kabinett  ausspielen  konnte.
Das  verjüngte  österreichische  Kaiserreich,  geführt  von  talentvollen  und  ehrgeizigen
Staatsmännern,  trug  sich  damals  mit  dem  großgedachten  Plan  eines  Siebzigmillionenbunds, ­
  der  Deutschland  und  Norditalien  mit  ihm  handelspolitisch  vereinigen  sollte.
Ein  solches  Zollbündnis,  in  welchem  die  Habsburgische  Monarchie  neben  Preußen
gleichberechtigt  stand,  erschien  Bismarck  so  lange  als  unannehmbar,  als  die  Deutsche
Frage  im  Sinne  der  „reinlichen  Scheidung"  noch  ungelöst  war.  Landelspolitisch  stets
das  Gegenteil  von  demjenigen  begünstigen,  was  man  an  der  Donau  aus  wirtschaftlichen ­
  und  finanziellen  Gründen  anstrebte,  war  im  Berliner  Kabinett  das  gegebene
Ziel  der  diplomaüschen  Aküon.  Mit  allen  Kräften  suchte  man  den  Anschluß  an  das
westeuropäische  freihändlerische  Konzert,  nur  um  Österreich  zu  isolieren.  Ob  Preußen
recht  daran  tat,  die  freihändlerische  Tarifreform  mit  solcher  Macht  zu  betteiben,  muß
nach  dem,  was  wir  heute  wissen,  mehr  als  zweifelhaft  erscheinen,  wenigstens  gilt  das
im  Linblick  auf  wirtschaftliche  Gesichtspuntte.  In  politischer  Linsicht  hat  der  Erfolg
der  preußischen  Politik  entschieden  recht  gegeben,  auch  bezüglich  des  preußischfranzösischen ­
  Landelsvertrages,  des  eigentlichen  Werkes  der  liberalen  Schule  des
            
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