Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

10.  Zur  Geschichte  der  Eisenzölle.

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Stelle  der  direkten  staatlichen  Subventionen  gesetzt  wurde  und  andererseits  der  ungehemmte
Vertrieb  der  Waren  aller  Industriezweige  über  ein  dem  Auslande  gegenüber  geschütztes
Gebiet  in  ausgedehnterem  Maße  ermöglicht  wurde.  hierin  lag  auch  der  Segen  der
Gründung  des  Zollvereins  im  Jahre  1833  und  seiner  allmählichen  Erweiterung  über
ganz  Deutschland.  Jeder  Zuwachs  desselben  war  ein  neuer  Impuls  für  die  deutsche
Industrie  zu  erhöhter  Tüchtigkeit  der  Leistungen,  wenn  auch  einzelne  Werke  der  verschärftcn
  inneren  Konkurrenz  erlagen.  Dem  Auslande  gegenüber  setzte  der  Zollverein
die  preußischen  Traditionen  eines  mäßigen  Schutzes  fort.  Inter  diesen  Verhältnissen
erfreute  sich  zunächst  die  Eisenindustrie  einer  ruhigen  und  stetigen  Entwicklung.  Der
Eisenverbrauch  dehnte  sich  bei  allmählicher  Steigerung  des  allgemeinen  Wohlstandes
und  schrittweisem  heranwachsen  der  Großindustrie  nur  langsam  aus,  bis  im  Anfange
der  vierziger  Jahre  der  lebhaft  in  Angriff  genommene  Eisenbahnbau  plötzlich  große
Massen  von  Eisen  erforderte  und  sich  nunmehr,  zugleich  veranlaßt  durch  eine  momentane
Absatzkrisis  in  England,  ein  gewaltiges  Überwiegen  der  dortigen  Eisenproduktion  herausstellte. ­
  Diese  beruhte  seit  dem  Anfange  des  Jahrhunderts  auf  der  ausschließlichen
Verwendung  der  Steinkohle,  während  die  deutsche  Schmiedeeisen-  und  in  noch  höheren:
Maße  die  Roheisenindustrie  ganz  überwiegend  bei  der  viel  kostspieligeren  Holzkohle
arbeitete.  Großbritannien  hatte  also  einen  großen  technischen  Vorsprung  voraus;  die
sehr  bedeutende  Steigerung  des  Eisenbedarfs  in  Deutschland  zu  Anfang  der  vierziger
Jahre  kam  allein  der  britischen  Eisenindustrie  zu  statten,  die  Eiseneinfuhr  stieg  in
wenigen  Jahren  von  12  und  13  auf  52  und  55°/„  des  Gesamtbedarfs,  die  deutsche
Eisenproduktion  mußte  fürchten,  völlig  unterdrückt  zu  werden.  Man  sah  sich  daher
nach  einigem  Zögern  im  Jahre  1844  genötigt,  auf  das  bisher  zollfreie  Roheisen  einen
Zoll  zu  legen,  der  zwar  für  die  Arbeit  bei  Holzkohle  keinen  ausreichenden  Schutz
gewährte,  aber  die  Einführung  des  Koks-  bezw.  Steinkohlenbetriebes  wirksam  zu
befördern  geeignet  war.  Der  bisherige  Zoll  auf  Stabeisen  wurde  entsprechend  erhöht.
Die  Erfolge  dieser  Maßregeln  waren  ungemein  günstige.  Die  Einführung  des  Koksund
  Steinkohlenbetriebes,  welche  seinerzeit  in  England  ungefähr  ein  halbes  Jahrhundert ­
  in  Anspruch  genommen  hatte,  vollzog  sich  in  Deutschland  in  der  Hälfte  dieser
Zeit.  Besonders  nach  der  Aufhebung  des  die  Wirkung  der  neuen  Eiscnzölle  wesentlich
beeinträchtigenden  Handelsvertrages  mit  Belgien  begann  in  der  deutschen  Eisenproduktion
der  allerlebhafteste  Aufschwung  und  die  rührigste  Arbeit.  Steinkohlengruben  wurden
aufgebrochen,  mit  den  Erzgruben  durch  Schienenwege  verbunden,  die  Werke  selbst  aus
den  Wald-  in  die  Steinkohlendistrikte  verlegt,  die  technischen  Einrichtungen  derselben
in  vollkommenster  Weise  umgestaltet.  Der  anscheinend  kaum  zu  überwindende  Vorsprung ­
  Großbritanniens  konnte  zu  Anfang  der  sechziger  Jahre  als  eingeholt  gelten.
Die  Einfuhr  ließ  ganz  bedeutend  nach;  nur  die  Gießereien  blieben  mit  ihrem  verhältnismäßig ­
  geringen  Bedarf  an  Gießereiroheisen  auf  Schottland  und  England  angewiesen.
Es  war  daher  durchaus  angebracht,  daß  man  nunmehr  den  Zollschutz  allmählich
herabsetzte  und  gleichzeitig  dem  Export,  welcher  bisher  nur  für  die  Eisenwarenindustrie
von  größerer  Bedeutung  gewesen  war,  durch  Abschluß  von  Handelsverträgen  erhöhte
Sorgfalt  zuwandte.
Reben  der  Konkurrenz  der  Werke  innerhalb  der  wesentlich  gelockerten  Zollschranken
wurde  jetzt  die  gesteigerte  Mitbewerbung  aller  Industriestaaten  auf  dem  Weltmärkte
zum  mächtigsten  Antriebe  jeder  Gewerbtätigkeit,  befördert  vor  allem  durch  die  großartige ­
  Ausbildung  der  modernen  Verkehrsmittel.
Gleichzeitig  vollzog  sich  jener  für  die  gesamte  Technik  hochwichtige  Vorgang,
welchen  man  nicht  mit  Inrecht  den  Anbruch  des  Zeitalters  des  Stahls  genannt  hat.
Die  hierdurch  bedingten  Imwandlungen  der  Eisenindustrie  wurden  in  Deutschland  mit
großer  Raschheit  durchgeführt.  Aber  auch  die  übrigen  Zweige  blieben  nicht  zuriick,
vielmehr  betätigte  sich  allseitig  der  lebhafteste  Fortschritt,  so  daß  die  deutsche  Eisen-BolkKwlrtschaftliches
  Lesebuch.  26
            
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