Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Zur  Geschichte  der  deutschen  Reederei.

449

Die  verbesserte  Technik  der  Schiffs--  und  Maschinenkonstruktion  ermöglichte  die
Schaffung  größerer,  leistungsfähigerer  Schiffstypen.  Der  1867  von  der  „Lammonia"
für  die  Überfahrt  von  Southampton  nach  New  Vork  geschaffene  Rekord  von  9  V«
Tagen  wurde  mehr  und  mehr  zu  einem  Durchschnittsmaße.  Gesteigerte  Geschwindigkeiten ­
  und  verbilligter  Betrieb,  namentlich  die  Kohlenersparnis,  die  es  ermöglichte,  daß
die  Schiffe  mit  der  im  Leimatshafen  eingenommenen  Kohle  selbst  für  die  westindische
Reise  ausreichten  und  das  teure,  zeitraubende  Bunkern  in  der  Fremde  vermindert
wurde,  förderten  die  Reederei  ungemein.
Die  durch  den  Eisenbahnverkehr  überall  geweckten  Ansprüche  auf  Schnelligkeit,
Pünktlichkeit,  Regelmäßigkeit  und  Bequemlichkeit  in  der  Beförderung  begegneten  sich
mit  den  technischen  Bervollkommnungsmöglichkeiten  zur  Sec,  und  die  heimische  Reederei
vermochte  an  diesem  Fortschritte  nicht  nur  durch  den  Ankauf  ausländischer  Schiffe  teilzunehmen,
  sondern  die  günstige  Entwickelung  der  deutschen  Werften  setzte  sic  nach  und
nach  in  die  Lage,  Neubauten,  Umbauten  und  Reparaturen  jeder  Art  unter  ihren
eigenen  Augen,  in  nächster  Nähe  des  Leimathafens  ausführen  zu  lassen.
Ein  besonders  wichtiges  Moment  war  ferner  die  allmähliche  Ausbreitung  des
unterseeischen  Kabelnehes  durch  alle  Meere,  die  den  an  den  entferntesten  Plätzen
befindlichen  Schiffen  eine  augenblickliche  Verbindung  mit  dem  Leimathafen  sowie  jedem
anderen  Lasen  und  dem  Reeder  eine  sofortige  Übersicht  über  den  gesamten  Frachtenmarkt ­
  und  Passagierverkehr  in  aller  Lerren  Länder  gestattet  hat.  So  wurde  z.  B.
die  Anwendung  der  Bodmerei  fast  vollkommen  unnötig,  gleichzeitig  auch  die  Finanzgebarung ­
  des  Schiffahrtsverkehrs  verändert  und  die  Möglichkeit  einer  einheitlich  geleiteten
und  doch  individuell  sich  anpassenden  Organisation  ausgedehntester  Großbetriebe  für
den  Seetransport  in  allen  Schiffahrtsländern  begründet.  Leider  hielt  man  sich  von
der  Beteiligung  am  Ausbau  des  überseeischen  Kabelnctzes  allerdings  lange  fern,  obgleich
Werner  Siemens  die  ersten  Kabel  fabriziert  hatte.
Die  fortschreitende  Technik  des  Wasser-  und  Tiefbaues  ermöglichte  ferner  eine
mit  der  Steigerung  der  Verkehrsintensität  Schritt  haltende  oder  ihr  gar  vorauseilende
und  die  Wege  ebnende  Verbesserung  der  Fahrstraßen,  Lasen-  und  Dockanlagen,  was
speziell  Deutschlands  einst  schwer  zugänglichen  Küsten  für  die  Vertiefung  der  Ströme
und  Strommündungen  erheblich  zu  statten  kam.  Denn  heutzutage  kann  man  an  jedem
Flußlaufe  wohlzugängliche  erstklassige  Läsen  schaffen,  so  daß  fortan  lediglich  das  wirtschaftliche ­
  Bedürfnis  und  nicht  mehr  die  natürliche  Lage  der  Reederei  die  Schiffstypen
diktiert.
Die  Förderung  der  Kenntnis  der  Meereswegc  und  der  Strömungen,  die  Einführung ­
  ständig  verbesserter  nautischer  Instrumente  und  die  gleichfalls  durch  die  Fortschritte ­
  der  Technik  ermöglichte  bessere  Betonnung  und  Befeuerung  der  Küsten  verringerten ­
  im  Verein  mit  der  wachsenden  Größe  und  Festigkeit  der  Schiffe  die  relaüven
Gefahren  der  Fahrt,  das  Risiko  der  Lavaric  und  damit  auch  die  Löhe  der  Versicherungsprämien
  wesentlich.
All  diese  Momente  wirkten  mit  den  übrigen  technischen  Fortschritten  dahin
zusammen,  um  für  die  weltwirtschaftliche  Entwickelung,  für  die  Befriedigung  des  entstehenden ­
  und  zunehmenden  Bedürfnisses  nach  einem  regelmäßigen  Bezüge  von  Massengütern ­
  über  die  Erde  hin  das  geeignete  Verkehrsinstrument  zu  schaffen.  Weltverkehr
und  Ozeanreederei  wurden  auf  eine  ganz  neue  Grundlage  gestellt,  und  entsprechend
änderte  sich  die  Bettiebsgestaltung  hinsichtlich  der  llnternchmungsformcn,  der  Eigentumsverhältnisse, ­
  der  Kapitalsgröße,  der  Schiffszahl  und  Schiffsräume  von  Grund  aus.
Zu  Anfang  und  bis  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  spielte  die  Reederei  keineswegs
stets  die  Rolle  eines  selbständigen  Gewerbes.  An  kleinen  Plätzen,  wo  mehr  flüssiges
Kapital  als  Gelegenheit,  es  in  Lande!  und  Gewerbe  anzulegen,  vorhanden  war,
beschäftigte  man  sich  allerdings  mit  ihr  um  ihrer  selbst  willen.  In  den  größeren  See-Mo
  Hat,  Volkswirtschaftliches  Lesebuch.  29
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.