Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

450 Fünfter Teil. Verkehrswesen. IV. Binnen- und Seeschiffahrt. 
städten aber bildete sie meist nur einen Teil des Betriebes eines Landlungshauses. 
Diese alten kleinen Unternehmungen der Reeder mit einzelnen oder einigen Schiffen 
sind an Bedeutung unablässig gegenüber den sich mehrenden großen, regelmäßigen 
Reedereibetrieben zurückgegangen. Angesichts der steigenden Mengen notwendigen 
Kapitals wählten letztere dann mehr und mehr als Form die Aktiengesellschaft. 
Neben den alten Reedereien, die die Schiffahrt schon infolge der schwankenden 
Witterungsverhältnisse und Reisedauern in mehr oder weniger unregelmäßigen Zwischen 
räumen betrieben und vielfach auch ihre Schiffe je nach Bedürfnis bald nach dieser, 
bald nach jener Gegend fahren ließen, nahm die Einrichtung fester Linien, deren Schiffe 
zu bestimmten Zeitpunkten abfahren, und die eine oder mehrere bestimmte Verkehrs 
richtungen ausschließlich betreiben, ständig zu; wie denn ja auch die einzelnen Märkte 
der verschiedenen Länder immer mehr zu festen Abnehmern bestimmter Mengen von 
Rohprodukten und Fabrikaten in übersehbarer Zeitfolge wurden. 
Die Zahl der von den einzelnen Unternehmungen beschäftigten Schiffe wächst 
stetig, da sie ihre Betriebe durch Vermehrung der Fahrten intensiv und durch Lerein- 
beziehung neuer Verkehrsgebiete extensiv ausgestalten; und die dauernd steigende Güter 
menge, die bewältigt werden will, gibt daneben die Möglichkeit, durch eine Ver 
größerung der Schiffsräume den Betrieb billiger zu gestalten. 
Gleich nach dem Kriege von 1870 seht ein großer Aufschwung ein. Zahlreiche 
Linien werden eingerichtet. 
Trotz aller Rückschläge in der folgenden schweren Wirtschaftskrisis schreitet die 
Entwickelung der Reedereien ins Große und, gemäß dem Gesetze der Arbeitsteilung, 
ins Spezielle fort. Eine Spezialisierung nach den verschiedenen Zwecken des Güter 
transports, der Auswandererbeförderung, des Postschiffs- und Kajütspassagierverkehrs 
erweist sich als die nächste Notwendigkeit. — Mehr und mehr unterscheiden sich seit 
Ansang der achtziger Jahre die wachsenden transatlantischen Typen von den kleinen 
Fahrzeugen für die europäische Fahrt, die in ihrer Bauart aber ebenfalls den jeweiligen 
Zwecken der einzelnen Routen, für die sie bestimmt sind, angepaßt werden. So ent 
stehen die mittleren gemischten Fracht- und Passagierdampfer für den Dienst zwischen 
den Ostseehäfen und Finnland, die Postdampfer für Skandinavien, die Frachtschiffe für 
das Mittelmeer re. Im allgemeinen aber bleibt man für die europäische Fahrt noch 
länger bei den alten Typen und Gewohnheiten stehen. Mittlere Betriebe dienen zur 
Bewältigung des Verkehrs in den einzelnen Richtungen. Abgesehen von der fast 
ganz in deutschen Länden befindlichen Küstenschiffahrt, befindet sich die europäische 
Fahrt erheblich länger und in größerem Amfange als der überseeische Schiffsverkehr 
in den Länden außcrdeutscher Anternehmer. — 
Nach Mitte der achtziger Jahre setzt die zweite große Periode des Aufschwunges 
der Reederei und der Einrichtung größerer Linien ein. 
In der amerikanischen Fahrt tritt das Bedürfnis nach Einführung des Expreß 
dienstes mit vollendet konstruierten, ganz vorwiegend für die Personenbeförderung 
bestimmten, erst einschraubigen, dann Doppelschraubenschnelldampsern von über 5000 
Registertonnen Raumgehalt immer entschiedener zu Tage. Bisher hatten die Dampfer 
ein Maximum von 12—13 Seemeilen in der Stunde erreicht. Die Fortschritte im 
Maschinenbau gestatten eine ständige Vergrößerung der Geschwindigkeit, die bald von 
16—17 auf 19 Seemeilen wuchs. Gleichzeitig wächst auch der Raumgehalt der Fracht 
dampfer in einem früher nicht für möglich gehaltenen Maße. 
Auf diesem Gebiete liegt die großartigste Entwickelung, und hier wachsen jene 
Riescnunternehmungen enipor, die in einem einzelnen Betriebe mehr an Güter- und 
Passagiertransporten und Seemeilenzahl im Jahre leisten können als 50 Jahre zuvor 
die gesamte deutsche Reederei.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.