Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

462  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

erwachsen,  überall,  in  der  Landwirtschaft,  im  Lande!  und  in  der  Industrie,  aber  auch
in  den  Veranstaltungen  für  Kunst  und  Wissenschaft  sich  ins  Große  auszudehnen.
Es  würde  viel  zu  weit  führen,  wenn  ich  Beispiele  dafür  auf  allen  Gebieten
anführen  wollte.  Denken  Sie  nur  an  die  großartigen  Etablissements,  die  man  drüben
mit  Riesenkapitalien  geschaffen  hat,  an  die  wir  in  Deutschland  und  in  Europa  garnicht ­
  heranreichen,  an  die  großen  Trustverbände,  die  bis  400  Millionen  Mark  werbendes
Kapital  in  ihren  Länden  vereinigen/)  gewaltige  Etablissements,  die  alles,  was  sich
neben  ihnen  im  eigenen  Lande  als  Konkurrent  hervordrängt,  rücksichtslos  beiseite  schieben.
Denken  Sie  zum  Beispiel  an  die  großartigen  Schlächterfirnren,  die  im  Vergleich
zu  unseren  Großschlächtereien  gar  nicht  genannt  werden  können,  von  denen  die  eine
Finna  Swift  &  Comp,  in  Chicago  im  Jahre  1898  einen  Amsatz  von  158  Millionen
Dollars,  ca.  630  Millionen  Mark,  zu  verzeichnen  hatte  an  verkauftem  Fleisch  und
tierischen  Produkten.  Ja,  das  sind  Geschäfte,  so  großartig,  daß  die  unseren  nicht
annähernd  an  sic  heranreichen.  Nicht  weniger  als  18000  Gesellen  und  Gehilfen
aller  Art  beschäftigt  dieser  eine  „Schlächtermeister",  750  Schweine  müssen  stündlich  ihr
junges  Leben  bei  ihm  lassen,  4000  Ochsen  werden  täglich,  2 1 l 2  Millionen  Schafe
und  Lämmer  jährlich  „verarbeitet".  4000  eigene  Eisenbahnkühlwagen  besorgen  den
Versand  der  Waren  nach  allen  Limmelsrichtungen  und  Weltgegenden.
Denken  Sie  ferner  an  die  großen  Mühlenctablissements  von  St.  Paul  und
Minneapolis,  deren  größtes  täglich  70000  Büschel  Weizen,  also  etwa  38000  Zentner
vermahlt.  Neben  Sie  all  die  Eisenwerke,  die  heute  schon  die  größten  der  Welt  sind,
deren  vortreffliche  technische  Einrichtungen  es  ermöglicht  haben,  daß  Amerika  schon  im
stände  ist,  alle  Länder  Europas  auf  dem  Gebiete  der  Eisenproduktion  zu  überflügeln
und  mit  seinen  Erzeugnissen  auch  außerhalb  der  eigenen  hohen  Zollschranken  auf  dem
Weltmarkt  die  allerempfindlichste  Konkurrenz  zu  machen.
Noch  auf  ein  anderes  darf  ich  dabei  wohl  hinweisen.  Man  spricht  so  oft  davon,
daß  in  Amerika  alles  besonders  teuer  sei.  Als  ich  vor  acht  Jahren  zum  erstenmal  die
neue  Welt  betrat,  hatte  ich  denselben  Eindruck.  Was  hier  im  Durchschnitt  zu  einer
Mark  gerechnet  wird,  kostete  drüben  einen  Dollar.
Jetzt  ist  das  nicht  mehr  die  Regel.
Wenn  man  früher  behauptete,  es  sei  immer  noch  kein  schlechtes  Geschäft,  nach
Europa  zu  fahren,  sich  dort  mit  Kleidung,  Wäsche  und  Schuhzeug  zu  versorgen,  man
verdiene  noch  immer  die  Reisekosten  an  den  billigen  Preisen  dieser  Bedarfsartikel,  so
stimmt  diese  Rechnung  heute  absolut  nicht  mehr.  Ganz  vortreffliches  Schuhzeug  ist
zur  Zeit  drüben  zu  niedrigerem  Preise  zu  bekommen,  als  man  hier  dafür  bezahlt.
Die  gewöhnlicheren  Kleiderstoffe  kauft  man  dort  bereits  für  weniger  Geld  als  bei  uns
in  Deutschland,  und  für  Möbel  und  Wohnungseinrichtungen  sind  tatsächlich  die  Preise
so  niedrig  normiert,  daß  die  große  Masse  des  Volkes,  die  nicht  Luxuswaren  kaufen
will,  sondern  sich  mit  den  Erzeugnissen  der  Massenindusttie  begnügt,  ihr  Leim  billiger
sich  einzurichten  vermag,  als  das  in  Deutschland  der  Fall  ist.
Die  großartige  Möbelfabrikation,  die  im  Norden  der  Vereinigten  Staaten  sich
etabliert  hat  und  für  den  ganzen  Kontinent  von  Nordamerika  die  Massenprodukte
liefert,  ist  mit  ihrem  Großbetriebe  und  ihren  technisch  vollendeten,  arbeitsparenden,
maschinellen  Einrichtungen  im  stände,  zu  niedrigsten  Preisen  zu  liefern.
Dafür  hat  man  auch  in  der  Anion  die  gewöhnlichen  Möbel  fast  alle  nach  einer
Schablone,  meist  aus  poliertem  Eichenholz,  Tische,  Schränke  und  hochlehnige  Schaukel-*)

  Nach  Ludwig  Mar  Goldbechger,  Das  Land  der  unbegrenzte»  Möglichkeiten.  Beobachtungen ­
  über  das  Wirtschaftsleben  der  Bereinigten  Staaten  von  Amerika.  Berlin  und  Leipziq,
F.  Fontane  &  Lo.,  (903.  S.  226  betrug  das  Nomiualkapital  der  in  den  Bereinigten  Staaten
bestehenden  Trusts  ani  (.  September  (903  8  81,4  700  000  Dollars.  —  G.  M.
            
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