Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

Goulds,  Vanderbilts,  Rockefellers,  Carnegies,  Äarrimans,  Äills,  Morgans,  Stillmans
u.  a.  haben  der  Verkehrs-  und  Jndustrieentwicklung  der  Anion  ungeahnte  Wege
gewiesen,  sie  waren  wie  mit  Thomas  Carlyle  der  Präsident  Roosevelt  sie  nannte,
wirklich  „The  Captains  of  Industry“,  die  das  Eisenbahnnetz  über  das  Land  gebreitet,
den  Äandel  aufgebaut  und  die  Industrien  entfaltet  haben.  And  weil  sie  damit
fraglos  dem  Volk  Gutes  und  Großes  geschaffen  haben,  sind  sie  leitend  und  herrschend;
die  Nation  bringt  ihnen  umsomehr  Vertrauen  entgegen,  als  sie  in  richtigem  Erfassen
der  Wirkung  auf  die  volkstümliche  Eigenart  große  Summen  aus  ihren  immensen
Schätzen  für  die  öffentliche  Wohlfahrtspflege  —  oft  nicht  ohne  einige  Demonstration  —
hergeben.  Das  Bedenkliche  aber  liegt  darin,  daß  die  weitverzweigten  und  besonders
die  neueren  Anternehmungen  augenblicklich  so  eng  mit  den  einzelnen  Männern,  mit
ihrer  Kraft  und  mit  ihren  Dispositionen  verwachsen  sind,  daß  ein  Versagen  oder  Ausscheiden ­
  des  großen  und  allgewaltigen  Einzelnen,  wenigstens  für  eine  geraume  Weile,
zu  verderblichen  Folgeerscheinungen  führen  kann.  Jeder  Mensch  findet  einen  Ersatz,
und  selbst  die  größten  Reiche  der  Alten  Welt  haben  sich  ohne  Erschütterung  weiter
gedeihlich  fortentwickeln  können,  auch  wenn  ihre  Mitbegründer  aus  den  Reihen  der
Mittätigen  oder  Lebenden  haben  zurücktreten  müssen.  Wenn  aber  z.  B.  Äerr  Pierpont
Morgan  heute  abberufen  werden  sollte,  würden  zunächst  die  Werte  all  der  Milliardenschöpfungen, ­
  deren  intellektuelles  Oberhaupt,  deren  finanzielle  Stütze  er  gewesen  war,
in  Verwirrung  geraten.  Denn  vielfach  noch  zu  jung,  zu  frisch,  zu  wenig  erprobt,  zu
unkonsolidiert  ist  manches,  was  dieses  und  der  anderen  Männer  weit  vorauseilender
Blick  erfaßt  und  ihr  rastlos  schaffender  Geist  aufgetürmt  hat.  Dann  erst  wird  sich  zu
erweisen  haben,  ob  genügend  kommerzieller  Nachwuchs  zur  Weiterführung  vorhanden
ist,  und  vor  allem,  ob  die  finanzielle  Grundlage  der  Industrien  in  ihrer  gegenwärtig
groß  angelegten  Ausdehnung  existenzberechtigt  ist.
Erstaunlich  aber  und  unvergleichlich  sind  einerseits  die  allgemeinen  Leistungen  der
amerikanischen  Arbeit,  anderseits  die  Produktionsmöglichkeiten  des  Landes.  Die  Schätze,
die  der  Boden  auf  seiner  Oberfläche  dem  Pflug  entgegenführt,  und  mehr  noch  die
Schätze,  die  der  Boden  in  seinem  Schoß  an  allem  birgt,  was  Reichtum,  Stärke  und
Macht  verleiht,  sind  so  riesenhaft,  daß  sie  im  stände  sind,  von  einem  Jahre  zum  andern,
beinahe  von  einem  Tage  zum  andern  die  Verhältnisse  in  dem  Wettbewerb  der  Nationen
zugunsten  der  Vereinigten  Staaten  zu  verschieben.  Tritt  an  einer  Stelle  der  Anion
eine  Stockung  ein,  zeigt  sich  ein  Mißerfolg,  ein  vorübergehendes  oder  selbst  dauerndes  Verssiegen ­
  der  Quellen,  so  haben  Boden  und  Fleiß  auch  schon  an  einem  andern  Ort  für
ausgiebigsten  Ersatz  gesorgt.  Was  die  Natur  dort  gegeben,  ist  unendlich  viel,  und
der  unermüdliche  Fleiß  gewinnt  der  Gabe  der  Natur  den  vollen  Wert  ab.
Hierin  liegt  ein  beachtenswertes  Gegengewicht  gegenüber  den  Bedenken,  denen
ich  hinsichtlich  des  Wirkens  einzelner  überragenden  Persönlichkeiten  Ausdruck  gegeben
habe.  Die  innere  Tüchtigkeit  der  Gesamtbevölkcrung  ist  markig.  Man  mag  das
unausgesetzte  Streben  nach  „make  money“  als  Mammonsdienst  betrachten,  —  man
hat  zu  einer  Verurteilung  umsoweniger  recht,  wenn  man  sieht,  daß  im  großen  und
ganzen,  im  guten  Durchschnitt,  das  Streben  nach  Erwerb  sich  streng  an  die  Bedingung
bindet,  daß  der  Erwerb  auf  anständige  Weise  gewonnen  sei.  Die  Gesetze  der  Vereinigten ­
  Staaten  sind  etwas  dehnbar,  und  der  Bürger  dort  geht  auf  dem  Weg,  den
das  Gesetz  erlaubt.  Aber  das  gegebene  Wort  ist  heilig.  Jeder  verlangt  von  dem
andern  und  setzt  voraus,  er  solle  genau  überschauen,  wozu  das  gegebene  Wort  den
einen  wie  den  andern  verpflichtet.  Der  Geschäftsmann  der  Vereinigten  Staaten  kennt
keinen  andern  Ehrgeiz  als  die  anständige  Wahrnehmung  seines  Geschäfts  und  die
Erreichung  geschäftlichen  Erfolgs  durch  ausdauernde  und  kluge  Arbeit.  Er  verzeiht
nicht  und  vergißt  nicht  eine  Verfehlung  gegen  den  geschäftlichen  Anstand,  auch  dein
Erfolg  nicht,  und  das  verleiht  ihm  eine  selbstbewußte  Charakterstärke  ohnegleichen.
            
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