Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

1.  Ideen  über  die  Entstehung  und  Entwickelung  des  Landels.  59
von  Griechen  und  Deutschen,  in  Paris  das  Bankgeschäft  hauptsächlich  von  Genfer
Kaufleuten  und  deutschen  Juden  begründet  wurde,  in  Manchester  noch  heute  ein  erheblicher ­
  Teil  des  Baumwollwarenhandels  in  fremden  Länden  liegt.  In  Indien  kann
der  Krämer  und  Ländler  des  Dorfes  noch  heute  nicht  Gemeindemitglied  sein  (Maine).
Im  Elsaß  wohnt  der  jüdische  Vermittler  nicht  in  dem  Dorfe,  das  ihm  von  seinen
Freunden  stillschweigend  als  Geschäftsgebiet  überlassen  ist.  Am  Landet  klebt  so  sehr
lange  die  Vorstellung,  daß  es  sich  um  ein  Geschäft  mit  Fremden  handle.
Die  älteren  Ländler  sind  Lausierer,  die  mit  Karren,  Lasttieren  und  Schiffen  von
Ort  zu  Ort,  von  Stamm  zu  Stamm,  von  Küste  zu  Küste  ziehen;  sie  sind  meist  Großund
  Kleinhändler,  Frachtführer  und  Warenbesitzer,  oft  auch  technische  Künstler  und
Landwerker  zugleich.  Die  wertvollsten  Waren,  mit  ihren  großen  örtlichen  Wettdifferenzen, ­
  Vieh  und  Menschen,  Salz,  Weine  und  Gewürze,  Edelsteine,  Metalle  und
Werkzeuge  sind  die  Lockmittel  jenes  ersten  Verkehrs.  Von  dem  römischen  Weinhausierer,
dem  Caupo,  stammt  das  Wort  Kaufmann.  Es  ist  ein  Landet,  der  stets  Gefahren  mit
sich  bringt,  Verhandlungen  mit  fremden  Fürsten  und  Stämmen,  ein  gewisses  Fremdenrecht, ­
  Beschenkung  und  Bestechung  der  zulassenden  Läuptlinge  oder  auch  Bedrohung
und  Vergewaltigung  derselben  voraussetzt.  Leichter  erreichen  die  Ländler  ihr  Ziel,  wenn
sie  in  gemeinsamen  Schiffs-  und  Karawancnzügen,  unter  einheitlichem  Befehle,  mit
Waffen,  Gefolge  und  Knechten  auftreten.  So  wird  die  Organisation  dieses  Landels
in  die  Fremde  meist  eine  Angelegenheit  der  Fürsten  oder  gar  des  Stammes,  jedenfalls
der  Reichen  und  Angesehenen;  Stationen  und  Kolonien  werden  nicht  bloß  für  die
einzelnen  Ländler,  sondern  für  das  Mutterland  erworben;  die  Ländler  desselben
Stammes  treten  draußen,  ob  verabredet  oder  nicht,  als  ein  geschlossener  Bund  auf,  der
nach  ausschließlichen  oder  bevorzugten  Rechten  strebt.  An  der  Spitze  solcher  Landelsunternehmungen
  stehen  Männer,  die  als  Diplomaten,  Feldherren,  Koloniegründer  sich
ebenso  auszeichnen  müssen  wie  durch  ihr  Geschäftstalent.  Sie  streben  stets  nach  einer
gewissen  Landclsherrschaft  und  suchen  mit  Gewalt  ebenso  oft  wie  durch  gute  Bedienung
ihrer  Kunden  ihre  Stellung  zu  behaupten.  Von  den  phönikischen  und  griechischen
Seeräuberzügen  und  den  Wikingerfahrten  bis  zu  den  holländisch-englischen  Kaper-,
Opium-,  Gold-  und  Diamantenkriegen  klebt  List  und  Betrug,  Blut  und  Gewalttat  an  diesem
Landel  in  die  Fremde,  dessen  Formen  außerhalb  Europas  heute  noch  vielfach  vorherrschen.
Meist  leben  diese  älteren  Kaufleute  nicht  ausschließlich  von  Landel  und  Verkehr; ­
  sie  sind  zu  Lause  Grundbesitzer,  Aristokraten,  Läuptlinge,  oft  auch  Priester;  der
römische  Landel  tritt  uns  bis  in  die  Kaiserzeit  als  eine  Nebenbeschäftigung  des  Großgrundbesitzes ­
  entgegen;  der  punische  Kaufmann  ist  Plantagenbesitzer,  der  mittelalterliche
vielfach  zugleich  Bauer  und  städtischer  Grund-,  oft  auch  ländlicher  Rittergutsbesitzer.
Aber  wo  der  Landel  dann  eine  gewisse  Blüte  erreicht  hat,  da  sind  es  die  jüngeren
Söhne,  die  Knechte  und  Schiffer,  die  Träger  und  Kamelführer,  die  nach  und  nach
mit  eigener  Ersparnis  und  auf  eigene  Rechnung  anfangen  zu  handeln;  so  entsteht  ein
Kausmannsstand,  der  ausschließlich  oder  überwiegend  vom  Landelsverdienst  lebt,  soweit
die  Betreffenden  nicht,  wie  ihre  Prinzipale,  wieder  durch  ihren  Besitz  zugleich  in  die
höhere  Klaffe  der  Grundbesitzer  und  Attstokraten  einrücken.
Der  ältere  Kaufmann  ist  so  im  ganzen  wie  der  Priester  und  der  Krieger  eine
aristokraüsche  Erscheinung.  Der  Landel  größeren  Stils  bietet  noch  leichtere  Möglichkeiten ­
  des  Gewinnes  als  jene  Berufe;  er  ist  lange  ein  Monopol  bestimmter  Stämme,
Städte,  Familien;  er  fordert  Talent,  Mut,  Charakter,  er  bietet  Gelegenheit  zu  List,
Gewalt  und  Lerrschaft;  daher  ist  der  Merkur  der  Gott  der  Kaufleute  und  der  Diebe.
Für  die  naive  ältere  Auffassung  ist  der  Kaufmann  der  stolze,  hochmütige,  zungenfertige, ­
  sprachkundige,  weltbürgerliche,  von  der  Leimat  losgelöste  Völkerverwischer,
welcher  Kultur,  Luxus,  höhere  Gesittung,  aber  auch  Auflösung  der  bestehenden  Sitten
und  allerlei  Laster  bringt.  Neben  dem  aristokratischen  Kaufmann,  der  in  die  Fremde
            
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