2. Die Phönizier.
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2. Die Phönizier.
Von Alexander v. Peez.
Peez, Zur neuesten Handelspolitik. Wien, Kommissionsverlag von Georg Szelinski,
*895. s. 308—309, s. 3*5—3(6, 5. 326 — 328 und 5. 335—337.
Der Reisende, der zur Zeit der Blüte Phöniziens, etwa um das Jahr 1000
vor Christus, zu Schiffe von Egypten, Kleinasien oder Griechenland sich der syrischen
Küste näherte, machte alsbald die Wahrnehmung, daß er sich auf der belebtesten
Seestraße des Altertums bewegte. Wie heutzutage im Kanäle zwischen Frankreich
und England, tauchten am Horizonte über dem blauen Seespiegel zahllose Schiffe auf,
kamen näher, entfemten sich oder kreuzten ihre Bahnen, Schiffe aller Art, einzeln
oder in Schwärmen, rundbäuchige Kauffahrer, die man schwimmenden Magazinen
vergleichen konnte, oder schlanke, mächtige Kriegsschiffe, die unter dem Schlage von
Lunderten von Rudern mit einer sogar von unseren Dampfern nicht allzuweit über-
troffenen Schnelligkeit dahinschossen. Alles verriet die Annäherung an einen Mittel
punkt des Weltverkehres. Jetzt verkündet ein Iubelruf der Matrosen, daß ihr scharfes
Auge einen Sonnenblih von der Goldkrone Melkarts erhascht hatte, dessen kolossale
Bildsäule aus einem oben offenen Tempel von Tyrus emporragte. Bald gewahrte
man die Zinnen der mächtigen Stadt, die wegen ihrer weißschimmcrndcn Gebäude
nicht mit Anrecht den Namen „Silbertasse" erhalten hatte. Gewaltige Ringmauern,
unmittelbar aus dem Meere aufsteigend und nur für zwei Läsen die nötigen Zugänge
lassend, umschlossen die Insel. Am eine Ecke biegend, lief nun das Fahrzeug in den
starkbefestigten Lasen ein, wand sich durch ein Gewimnrel von Schiffen und Booten
hindurch und legte endlich an der ihm angewiesenen Stelle des Kai an. Das
stolze Tyrus war erreicht. Wenn nun der Reisende das Schiff verließ, so führten
ihn mächtige Treppen in breiter gewaltiger Flucht nach dem mit Säulenhallen,
Tempeln und Palästen umsäumten Lauptplatze. Lier hatte ringsum die phönizischc
Kunst ihr Schönstes und Bestes geleistet. Wie ein Schatzkästlein zierlich gebildet,
erhob sich blendend das Stadthaus und nicht ferne davon der berühmte Tempel des
Baal-Melkart. Brunnen sprangen, und Götterbilder sahen von der Löhe köstlicher
Säulen herab. Tiefblau stand der Limmel über dem blanken, kunstvollen Steinwerke;
doch wo die Glut der Sonne zu heftig brannte, da waren weite Purpurdecken über
ganze Gassen gespannt. Allenthalben wogte ein unendlich reiches, farbenprächttges
Leben und bot dem Reisenden ein Bild dar, zu welchem hinsichtlich der Anlage der
Stadt nur Venedig, hinsichtlich der Völkertypen und des Geschäftslebens Konstanti
nopel, Alexandria und Kalkutta zusammengenommen die Grundlinien liefern könnten.
In seiner Blütezeit soll Tyrus 700000 Einwohner gehabt haben. Nördlich
davon lag das kaum minder bedeutende Sidon, das mit Tyrus in der Führerschaft
wetteiferte, und um diese beiden Doppelsterne ordneten sich die anderen Städte des
kleinen, aber wunderbaren Landes, das von seinem schmalen Küstenstrich aus eine
Welt von Arbeit und Produktion bewegte. Denn fast im ganzen Amfange der
alten Welt beschäftigten die phönizifchen Reeder, Kaufherren und Großkapitalisten
nah und fern, in Lande!, Bergbau, Landwirtschaft und Industrie vielleicht mehr
Millionen Menschen, als ihr Land selbst Lundcrttausende zählte.
Phönizien war gleichsam nur die Krone eines Baumes, dessen Zweige und
Wurzeln sich über die alte Welt hinzogen. Den Stamm dieses Geflechtes bildeten
die Kolonien: „Die Niederlassungen der Phönizier", sagt Curtius, „sind fast über
den ganzen Erdkreis ergossen."
Das einfachste Band zwischen dem Mutterlande und seinen Kolonien bildeten
Lande! und Verkehr. Nach dem Propheten Ionas gingen täglich von Tyrus Schiffe