Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4.  Der  deutsche  Kaufmann  im  Ausgange  des  Mittelalters.  71

sollte  er  dienen.  Es  lag  das  daran,  daß  alle  Geschäfte,  die  darüber  hinausgingen,
also  alle  Spekulaüonen  und  reinen  Landelsgefchäste  der  Kirche  als  Wucher  erschienen,
und  nichts  hat  sie  mehr  bekämpft  als  das  Zinsennehmen.  Übrigens  war  dieses  Zinsverbot ­
  eben  nur  auf  der  naturalwirtschastlichen  Grundlage  der  ersten  Pälfte  des  Mittelalters ­
  denkbar.  Auch  eine  durch  irgendwelche  Amstände  herbeigeführte  Preissteigerung
war  für  die  Kirche  unter  diesem  Gesichtspunkt  verwerflich:  das  ganze  Mittelalter  hat
auch  überall  die  Preise  festzulegen  gesucht  und  die  Regelung  durch  Angebot  und  Nachftage
  nicht  anerkannt.  So  rangierte  denn  in  der  Meinung  der  Kirche  der  Kaufmann
als  ein  teuflischen  Werken  ergebener  Mensch.
Doch  dürfen  wir  die  wirkliche  Schmälerung  des  Ansehens  des  kaufmännischen
Berufes  darum  nicht  als  eine  zu  große  einschätzen.  Schwieriger  mochte  dem  Kaufmann
werden,  seinen  Stand  in  den  Städten  gegen  jene  Anschauungen  durchzusetzen,  die  oben
kurz  charakterisiert  wurden.  Das  gelang  ihm  wesentlich  durch  den  rasch  erworbenen
Wohlstand.  Wieder  aber  ist  festzustellen,  daß  der  Pandel  —  von  den  Krämern  ist
hier  nicht  die  Rede  —  als  absolut  unritterliche  Beschäftigung  nicht  angesehen  werden
darf.  Diese  Anschauung  verbreitet  sich  stärker  erst  seit  dem  14.  Jahrhundert.
Im  übrigen  focht  die  Meinung  der  Kirche  den  Kaufmann  wenig  an.  Denselben
Gegensatz  zu  dem  askeüschen  Lebensideal  der  Weltverneinung,  den  sein  praktischrealistischer
  Sinn  zeitigen  mußte,  zeigte  auch  das  weltliche  Treiben  der  Ritter.  Auch
darin  lag  ein  Moment,  das  die  Schildaristokratie  leicht  mit  der  Geldaristokratte  zusammenführte. ­

Indessen  diese  ritterliche  Episode  im  Leben  des  deutschen  Kaufmanns  ging  vorüber, ­
  entsprechend  dem  Niedergang  der  ritterlichen  Kultur  überhaupt.  And  noch  ein
anderer  Wurm  nagte  an  dem  Glanz  der  Pandelsaristokratie  des  13.  Jahrhunderts.
Es  scheint,  als  ob  die  Möglichkeit  raschen  Gewinns,  das  erste  Pereinbrechen  eines
Kapitalismus  nicht  bloß  das  sittliche  Arteil  der  Geistlichen  empörte,  —  „ein  Kaufmann
kann  kaum  ohne  Sünde  sein",  sagte  damals  Caesarius  von  Peisterbach,  —  sondern  daß
diese  Momente  in  der  Tat  auch  eine  Demoralisaüon  der  Pandelsaristokratte  herbeiführten. ­
  Lochmut  auf  der  einen  Seite,  Genußsucht  auf  der  andern  Seite  erschütterten
die  Dauerhafttgkeit  dieser  Gesellschaft.  Sie  ruinierte  sich  selbst,  und  sie  rief  auf  der
andern  Seite  eine  Opposition  der  unteren  Schichten  hervor,  die  der  Ausbeutung  der
Städte  durch  die  Geschlechter  ein  Ende  zu  machen  strebte.
Aber  dem  deutschen  Kaufmann  waren  noch  große  Fortschritte  beschieden.  Nicht
die  dem  Ritterttim  nachäffende  Art  der  aristokratischen  Kaufherrn  verbürgte  sie,  sondern
die  rauhe  Tatkraft  und  unermüdliche  Arbeitslust  des  Kaufmanns  der  Folgezeit,  zunächst
des  14.  Jahrhunderts.  Es  sind  zum  Teil  unschöne  Züge,  die  dieser  zeigt;  ein  starrer
Sinn,  ein  harter  Egoismus,  ein  rücksichtsloses  Verfolgen  des  Ziels  sind  ihin  zu  eigen.
Aber  es  sind  Züge,  die  den  Erfolg  seiner  Arbeit  verbürgten.  And  große  Arbeit  hat
er  in  dieser  Zeit  geleistet.  Große  Amwälzungen  gingen  damals  vor  sich,  überaus  günstig
für  seinen  weiteren  Aufschwung,  aber  ihn  antreibend  zu  höchster  Anspannung  seiner
Leistungsfähigkeit.
Das  eine  Gebiet  dieser  Amwälzung  und  Arbeit  lag  im  Nordosten.  Die  Germanisation
  des  Ostens  führte  zur  Pansa,  die  den  Nord-  und  Ostseehandel  zusammenband. ­
  Die  Folgen  der  Zurückdrängung  der  Slaven  werden  jetzt  immer  gewalüger.
Im  13.  Jahrhundert  hatten  noch  die  rheinischen,  vor  allem  die  Kölner  Kaufleute  und
weiter  die  aus  den  niedersächsischen  Binnenstädten  wie  Soest  oder  Münster  den  östlichen
Pandel  bettieben:  jetzt  ttat  der  Kaufmann  aus  den  Seehandelsstädten,  insbeiondere  den
östlichen  unter  Leitung  Lübecks,  als  der  Führer  der  Entwickelung  auf  und  brachte  sie
in  stetiger  Arbeit  und  unter  Ausschluß  aller  Nichthansen  auf  ihren  Pöhepunkt.  Über
England,  über  Skandinavien  und  Westrußland  herrschte  der  hansische  Kaufmann.  Den
Nordmännern  war  in  ihrem  eigenen  Lande,  wo  Wisby  mächttg  als  Sitz  deutscher
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.