1I. Der Markt von Lübeck
85
hat; wenn man etwa an Sombarts Werk denkt und an die von ihm beein-
flußte Literatur!®®), möchte man allerdings die Befürchtung haben, daß die
Eigenart des 13. Jahrhunderts, das für die gesamte innere Geschichte
Deutschlands vielleicht schöpferischer war denn je ein anderes, mit Schlag-
worten, die man dem späteren Mittelalter abgewann, vergewaltigt wurde.
Das äußere Feld dieser Untersuchung war eng begrenzt: die paar tausend
Quadratmeter, welche der Lübecker Markt umfaßt. Aber dieser kleine Fleck
Erde ist eben der Schauplatz historisch wesentlicher und mit den Mitteln
historischer Kritik greifbarer Vorgänge geworden. Zunächst in dem Sinne,
daß es das Herz der ganzen Gründung war, und daß von ihm aus dem ge-
samten politischen und wirtschaftlichen Leben der Stadt als einem einheit-
lichen Organismus in seinen verschlungenen Wechselbeziehungen am ehesten
jeizukommen ist. Sodann aber: daß sich hier bei der im Mittelalter selbst
wichtigsten deutschen Gründungsstadt Zusammenhänge erfassen lassen, wie
es wahrscheinlich bei keiner anderen Stadt mehr in diesem Umfange möglich
sein dürfte. Damit gewinnt das Lübecker Material allgemeine Bedeutung.
Mechanischer Verallgemeinerung des hier gewonnenen Bildes soll damit
nicht das Wort geredet werden; im Gegenteil, vor ihr sei nachdrücklich
gewarnt, Das nähere Eindringen in den Quellenstoff eines sozialen Organis-
mus schärft viel zu sehr den Sinn für die nur ihm eigenen Voraussetzungen
und Besonderheiten, als daß man seine Lebensformen ohne weiteres auf einen
andersgearteten übertragen möchte. Das ideale Ziel wäre jedenfalls, mög-
lichst viel einzelne Städte als Individualitäten zunächst zu erfassen und dann
die Gesamtergebnisse miteinander zu vergleichen; aber nicht auf Grund
hier und dort aus dem Material der verschiedensten Städte herausgeholter
Quellenstellen eine bestimmte Frage beantworten zu wollen. Die Gefahr
der unwillkürlichen Gleichmacherei und Verallgemeinerung, der unbewußten
Willkür bei der Auswahl liegt zu nahe, wenn einzelne Lebensäußerungen ver-
schiedener sozialer Körper ohne den ständigen Zusammenhang mit der
Gesamtheit des Organismus betrachtet werden, in dem sie lebensfähig
waren. Es sei nur an den Marktzwang erinnert! Erst die Durcharbeitung des
ganzen Materials einer wichtigen Stadt, Kölns, hat die übliche Annahme,
daß sämtliche Gewerbe durch obrigkeitlichen Marktzwang an den Markt
gebunden seien, als unbegründete Verallgemeinerung erkennen und die
wirtschaftlichen Interessen der Gewerbetreibenden selbst als bestimmend
für den Zug der meisten Gewerbe zum Markt und auch sonst weit stärker
hervortreten lassen. Wie der Aufsatz Georg von Belows über die Motive der
Zunftbildung zeigt!?%), hat das Ergebnis der Untersuchungen Heinrich von
Loeschs die allgemeine Forschung einen wesentlichen Schritt in der Richtung
der Befreiung von schematisierenden Theorien tun lassen. Die Gesamtheit
der gewerblichen und kaufmännischen Lebensäußerungen auch nur eines
nennenswerten sozialen Organismus sind eben viel zu verschiedenartig, als