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Die sowjetrussische Textilindustrie
Von Dr. Melkich, Dozent am Russischen Wissen-
&chaftlichen Institut, Berlin.
Die Textilindustrie in Sowjetrussland gehört zu
Jer Zahl derjenigen Zweige der Volkswirtschaft, die auf
jede Veränderung des Marktes mit besonderer Empfindlich-
keit reagieren. Da die Textilindustrie Massenverbrauchs-
ware herstellt, steht ihr Entwicklungsgang mit der Ent-
wicklung des Wohlstandes der breiten Massen der Bevölke-
rung in engstem Zusammenhang. Jeder nach Befriedigung
der dringendsten Bedürfnisse verbleibende Einkommensüber-
schuss wird in erster Linie zum Einkauf von Wäsche, Klei-
Adungsgegenständen und Schuhwerk verwendet. Aus diesem
(irunde rollt die jetzt beobachtete fortschreitende Wieder
herstellung der sowjetrussischen Bauernwirtschaft die Frage
einer damit Schritt haltenden Wiederherstellung der Textil-
industrie in ihrer ganzen Bedeutung und Dringlichkeit auf,
Die Leiter der Sowjetwirtschaft weisen der Textil-
industrie als ganz spezielle Aufgabe die Stabilhaltung der
Währung zu; ferner soll sie die sogenannte „Smytschka.“
(wirtschaftlicher Kontakt zwischen Stadt und Land) festi-
gen; und schliesslich soll vermittelst der in der Textil-
industrie erzielten Gewinne die Schwerindustrie gTOSS-
gezogen werden, ohne welche, nach dem Ausspruch Lenins,
die Sowjetunion dem Untergang geweiht ist. — Ohne auf
liese speziellen Aufgaben näher einzugehen, da .sie der
durch die Sowjetleute aufgestellten allgemeinen These ent-
springen, dass die Volkswirtschaft ein Klavier sei, auf dem
ein kunstfertiger Spieler jede gewünschte Symphonie her-
vorbringen kann, muss man doch zugeben, dass für die
Wiederaufrichtung und Entwicklung der sowjetrussischen
Textilindustrie so ausserordentlich günstige Bedingungen