Full text : Die Reichseisenbahnen

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Das  trat  in  Preußen  um  deswillen  besonders  stark  hervor,  als  die
preußische  Überlieferung  den  Rücksichten  auf  den  Staatshaushalt,  also
den  Staat  als  Fiskus,  von  jeher  ein  besonderes  Gewicht  verliehen  hat.
Werfen  wir  einen  kurzen  Rückblick  auf  die  preußische  Finanzgeschichte. ­

Gesicherte  Finanzen  bezeichnet  Friedrich  der  Große  in  seinem  politischen ­
  Testament  als  die  stärkste  Säule  des  Staates  neben  einem  schlagfertigen ­
  Heere.  Die  treue  Wahrung  dieses  Satzes  gehört  zu  den  ruhmvollsten ­
  Überlieferungen  des  altpreußischen  Beamtentums.  Indessen  auch
in  dem  lebensvollsten  Organismus  bilden  sich  mit  der  Zeit  Verknorpelungen ­
  und  Verknöcherungen,  und  das  Gebiet  des  Finanzwesens  steht
nach  der  Natur  der  Dinge  dieser  Gefahr  um  so  eher  offen,  als  sein
spröder  Stoff  nur  den  zum  Eindringen  einladet,  den  eine  wirkliche
Hingabe  an  die  Sache  leitet.  Wie  selten  sind  Finanzsachverständige?
Und  noch  seltener  als  ihr  Vorkommen  ist  ihre  Beliebtheit.
Es  ist  vieles  zusammengekommen,  um  die  Wissenschaft  von  der
preußischen  Staatswirtschaft  zu  einer  Art  Geheimlehre  zu  machen.  Darin
ist  übrigens  bereits  der  große  König  mit  seinem  Beispiel  vorausgegangen.
Er  allein  kannte  die  Abschlußzahlen  der  recht  zersplitterten  Einzelhaushalte. ­
  Einen  Gesamthaushalt  im  heutigen  Sinne  gab  es  noch  nicht,  er
wurde  erst  wesentlich  später  geschaffen,  als  das  große  Auge  des  Einsiedlers ­
  von  Sanssouci  nicht  mehr  über  allem  wachte.
Nach  den  Stein-Hardenbergschen  Reformen  und  vollends  nach  Einführung ­
  der  Verfassung  wäre  eigentlich  ein  klarer  Einblick  in  den  Staatshaushalt ­
  eine  selbstverständliche  Forderung  jedes  Staatsbürgers  gewesen. ­
  Solche  Forderungen  sind  auch  erhoben  und  teilweise  erfüllt
worden.  Aber  selbst  dem  Drängen  des  Landtages  ist  es  nicht  gelungen,
einen  völlig  klaren  und  übersichtlichen  Haushalt  zu  schaffen.  Sogar
Kämpen  wie  Eugen  Richter  und  Friedberg  bissen  hier  auf  Granit.  Der
kluge  Miguel  aber  wurde,  als  er  selbst  Finanzminister  war,  einer  der
geheimnisvollsten  und  verschlossensten  Männer  auf  diesem  Platze.
Es  ist  zweifellos,  daß  die  Vorherrschaft  bedeutender  Finanzminister
für  den  Staatssäckel  bedeutende  Vorteile  zeitigen  kann.  Zweifellos ­
  auch  hat  Miguel  die  schönsten  Verdienste  um  die  preußischen
Staatsfinanzen  —  man  braucht  nur  an  feine  Steuerreform  zu
denken.  Auf  der  anderen  Seite  aber  zeigt  gerade  seine  Ministerzeit,
wie  die  überkommene  Ordnung  des  Staatshaushaltes  die  aufstrebenden ­
  Staatseisenbahnen  in  spanische  Stiefel  einschnürte  und  ihre
wirtschaftliche  Entwicklung  geradezu  gefährdete.  Hier  ist  nicht  der  Ort,
das  nachzuweisen,  so  lehrreich  ein  Einblick  in  die  Erörterungen  zum

*)  Vgl.  hierzu  „Archiv  für  Eisenbahnwesen"  1909  S.  869  (Heft  3),  S.  1093
(Heft  5)  sowie  1910  S.  1108  (Heft  6)  und  S.  1398  (Heft  6).
            
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