Full text: Gesellschaftslehre

186 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
tive Bewertung. Waren sie aber unerfreulicher Natur, so waren ihre 
gemeinsamen Teilnehmer durchweg durch den gegenseitigen Austausch 
ihrer Gedanken und Gefühle verknüpft, wodurch ebenfalls ein Anlaß 
zur Bewertung entsteht. — Seltener erwächst die sympathische Schägung 
des Menschen aus der Übereinstimmung in der Denkweise, im Charakter, 
in den Neigungen, im ganzen Wesen. Hier ergibt sie sich aus den vielen 
Berührungspunkten, die zwischen derartig übereinstimmenden Menschen 
bestehen und ihnen die Möglichkeit des Einfühlens und der Resonanz 
und damit diejenige wertvoller Erlebnisse gewähren. Man darf dabei 
aber nicht nur an die Sphäre des bewußten und höheren geistigen Lebens 
denken. Die Anziehungskraft, die ein Mensch auf uns ausübt, läßt sich 
oft nicht klar motivieren. Sie wurzelt oft in Übereinstimmungen und 
Berührungen, die sich nicht sprachlich formulieren lassen, aber der 
Sphäre der wesenhaften Neigungen und Triebe angehören. Neben der 
Übereinstimmung kann dabei auch das Ergänzungsbedürfnis 
wirksam sein. Doch steht dieser Fall nicht im Gegensag zu dem soeben 
betrachteten. Naturen von ausschließlicher Gegensäglichkeit ziehen sich 
nicht an. Das Ergänzungsbedürfnis kann vielmehr nur auf dem Grunde 
einer gewissen Übereinstimmung verknüpfen. Daß die Anziehungskraft 
eines Menschen vielfach irrational und geheimnisvoll ist, wird begreif- 
lich durch die verwickelten Zusammenhänge, die Übertragungen und 
Verdichtungen, die dabei mitsprechen. Es ist deswegen nicht berechtigt, 
in der Irrationalität solcher Anziehungskraft allein einen Beweis für 
die durchgängige erotische (gegebenenfalls homoerotische) Grundlage 
solcher Beziehungen zu finden. 
5. Eine besondre Form des Geselligkeitstriebes (und zwar des Ge- 
meinschaftsdranges) bildet der erotische Trieb. Bei den Be- 
ziehungen der Geschlechter zueinander haben wir zwischen zwei Trieben 
oder triebhaften Anlagen zu unterscheiden, die wir als sexuellen und 
als erotischen Trieb bezeichnen wollen. Den sexuellen Trieb 
hat der Mensch mit den Tieren gemein; er ist ein echter Instinkt im 
eigentlichen Sinn, von rein leiblichem Inhalt und daher ohne die Eigen- 
schaft der Plastizität und ohne gesellschaftlichen Charakter. Gemeint 
ist mit ihm die bloße Tendenz zum Genitalakt, also ein intermittierend 
auftretender Trieb, mehr oder weniger von Augenblickscharakter. Nor- 
malerweise ist dieser jedoch eingebettet in einen viel umfassenderen 
Trieb von Dauercharakter, den Geschlechtstrieb im weiteren Sinne, den 
wir als erotischen Trieb bezeichnen wollen. Die sexuellen Er- 
lebnisse verbinden sich nämlich normalerweise mit einer Bewertung, 
der entsprechend zugleich ein Verlangen nach einem Dauerzustand ent- 
steht: die begehrte Person ist zugleich die geliebte, mit der man dauernd
	        
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