Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Hiertes Kapitel. 
Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 
Unter allen großen Kulturerscheinungen des 15. und 
16. Jahrhunderts war bis tief in die Reformationszeit hinein 
keine volkstümlicher, als die bildende Kunst, vor allem die 
Kupferstechkunst und die Malerei. Auf diesen Gebieten vollzog 
sich leicht die Vermählung der neuen individualistischen An— 
schauung mit den hergebrachten Mitteln kirchlich-populären 
Ausdrucks, und noch Trittenheim konnte darum den erhabenen 
Beruf der Maler preisen, als Priester des Schönen an der 
Ausbreitung des Gottesdienstes mitzuwirken und den Armen 
das Evangelium zu verkünden. 
Die Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts war noch im Konven— 
tionellen gebettet gewesen!, und maßgebend gewesen war für ihren 
konventionellen Charakter im einzelnen vor allem die äußere Auf— 
fassung der Welt durch die bürgerliche Gesellschaft und der Vertika— 
lismus der Gotik. Dem gegenüber wird jetzt der große Schritt 
gethan zur Individualität der Beobachtung und damit zur 
Naturwahrheit der Darstellung. Erleichtert wurde er durch das 
Absterben der Gotik, die, wie jeder abblühende Stil, ihre 
Zuflucht zu einem faden und rücksichtslosen Naturalismus 
1S. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. IV.
	        
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