Object: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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in der Rheinprovinz, Brandenburg und im Königreich Sachsen in 
Aufnahme gekommen. Dieser Umstand verdient deshalb Beachtung, 
weil noch heute Spinnereien und Webereien auf zollpolitischem Ge 
biete miteinander in Fehde liegen. Jene behaupten, sie hätten nicht 
so lange Zeit und so viel Gelegenheit gehabt, sich zu kräftigen wie 
die Webereien, sie verlangen deshalb hohen Zollschutz, diese, die 
schon früh durch Einfuhrverbote von Baumwollwaren und später 
durch Zölle geschützt wurden und denen an dem billigen Bezüge 
ihres Rohmaterials, des Garnes, liegt, huldigen freihändlerischen Prin 
zipien l ). 
Die Weberei wurde ursprünglich nach Gustav Schmoller 2 ) 
in der Form der Familien Wirtschaft betrieben; die Mitglieder einer 
Familie, einer Guts- oder Klostergemeinschaft verfertigten für den 
eigenen Bedarf, sich gegenseitig helfend und ablösend, Stoffe im 
eigenen Heim. Was sie etwa über Bedarf produzierten, verkauften 
sie an die Nachbarn oder, was auf dasselbe hinauskommt, vertauschten 
es gegen Waren ihres Bedürfnisses. Eine höhere Entwicklungsstufe 
ist die gewerbsmäßige Lohnweberei für Kunden: Der Bürger oder 
der Bauer übergibt dem Weber ein Quantum Garn und läßt daraus 
Stoffe herstellen, er bezahlt dem Weber den Aufwand an Zeit und 
Arbeit. Daraus entwickelt sich dann bald die selbständige, hand 
werksmäßige Weberei, die nicht nur auf Bestellung, sondern für den 
Markt arbeitet. Ist der Markt ein lokal begrenzter, so ist dieser 
Zustand noch nicht sehr verschieden von dem vorher geschilderten, 
die Absatz Verhältnisse sind bekannt, die Produktion richtet sich da 
nach. Die letzte große Umwälzung erfährt die Weberei mit dem 
Zeitpunkt, wo mit der Verbesserung der Verkehrswege und der Nach 
richtenvermittlung der Blick hinausschweift über die Grenzen der 
nächsten Umgebung, des engeren Vaterlandes und schließlich über 
den Ozean nach neu erschlossenen Gebieten: der Weber produziert 
für einen Absatz im großen, er produziert auf Lager, er wird Spe 
kulant. Der Produktionsprozeß kann dabei auf der alten Stufe der 
Lohnweberei verharren, wenn ein Fabrikant oder Händler eine An 
zahl „selbständiger“ Webermeister in ihrem eigenen Heim beschäftigt, 
oder es schiebt sich eine ganz neue, rein kapitalistische Produktions 
form ein, das Verlagssystem: der Fabrikant, der Auftraggeber ist der 
Verleger. Das Abhängigkeitsverhältnis der Hausindustriellen kann 
ein verschiedenes sein. Entweder er steht zum Fabrikanten in einem 
1) Später bietet sich Gelegenheit näher darauf einzugehen. 
2) G. Schmoller, Die Entwicklung und Krisis der deutschen Weberei, Berlin 1873. 
L „Deutsche Streitfragen“, Jahrg. II, Heft 25, S. 9.
	        
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