Full text : Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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wichtigste  Industrie  ist  „diejenige,  welche  die  meisten  Hände  beschäftigt, ­
  namentlich  die  meisten  selbständigen  Hände,  die  am  meisten
den  Charakter  der  Kleinindustrie  bewahrt  hat“ 1 ).  Demgegenüber  betonte ­
  Professor  G.  Schm  oller  mit  Recht,  es  gebe  viele  volkswirtschaftliche ­
  Schwache,  die  besser  zugrunde  gingen,  als  erhalten  würden,
er  verlange  Schutz  einer  an  sich  lebensfähigen,  aber  im  Moment  hart
bedrängten  Industrie 1  2 ).  Vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt,  speziell
vom  sozialen  aus  betrachtet,  ist  es  nur  mit  Freuden  zu  begrüßen,
wenn  die  Garnzollerhöhung  zu  einer  Einschränkung  des  unrentablen
Kleinbetriebes  der  Weberei  führte,  denn  es  Hegt  auf  der  Hand,  daß
ein  gesetzgeberischer  Einfluß  in  sozialer  Hinsicht  an  den  unkontrollierbaren ­
  Arbeiterverhältnissen  des  Weberei-Verlagssystems  und  der
selbständigen  Hausweberei  auf  schwer  überbrückbare  Schwierigkeiten
stoßen  muß.  Der  Weberei-Kleinbetrieb  wird  nur  da  dem  Großbetrieb ­
  vorzuziehen  sein,  wo  es  sich  um  eigentliche  Kunstweberei  handelt.
Die  höhere  Verzollung  der  Feingarne  beruhte  auf  der  Annahme
der  Spinner,  daß  nur  ein  kleiner  Teil  der  Garnimporte  aus  solchen
Nummern  bestände,  die  in  Deutschland  keinesfalls  herzustellen  seien,  der
größere  Teil  derselben  aber  unter  entsprechendem  Zollschutz  entbehrlich
gemacht  werden  könne.  Bestimmte  Anhaltspunkte  dafür,  statistisches
Material,  lagen  allerdings  nicht  vor.  Deshalb  bezeichnen  W.  Lotz 3 )
und  J.  Gensei 4 )  die  Feingarnzölle  in  gleicher  Weise  als  ein  Experiment. ­
  Lotz  bestreitet  das  Gelingen  desselben  vollständig,  Gensei
sieht  darin  eine  unberechtigte  Bevorzugung  der  Spinnerei-Aktiengesellschaften ­
  und  einzelner  großer  Spinnereien  gegenüber  den  „Interessen ­
  der  vorwiegend  als  Hausindustrie  betriebenen  und  großenteils
auf  Export  angewiesenen  Weberei,  Wirkerei,  Posamentenfabriken  usw.“.
Es  ist  leider  nicht  möglich  zu  entscheiden,  ob  nach  Inkrafttreten  des
Zolltarifs  die  Einfuhr  feiner  Garne  aus  England  und  der  Schweiz  im
Vergleich  zu  früher  nachgelassen  hat,  denn  unsere  Handelsstatistik
liefert  erst  seit  1880  eine  Einteilung  der  Garne  nach  Nummern,  entsprechend ­
  derjenigen  des  Zolltarifs.  Tatsache  ist,  daß  sowohl  die
Spinnerei  feiner  Garne  vereinzelt  neu  aufgenommen  und  fortgesetzt
werden  konnte,  als  auch,  daß  der  Weberei  nicht  nur  kein  Schaden
erwachsen  ist,  sondern,  wo  sie  mit  Spinnerei  verbunden  war,  sogar
Vorteil.
Die  größte  Hoffnung  der  süddeutschen  Spinner  hat  sich  freilich
1)  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  XVI,  Leipzig  1879,  S.  19.
2)  Ebenda  S.  19.
3)  A.  a.  O.  S.  175-4)
  A.  a.  O.  S.  83.
Abhandlungen  d.  ataatsw.  Seminars  z  Jena,  Bd.  III,  Heft  3.  3
Loch  in  ü  Iler,  Entwicklung  der  deutschen  Baumwollindustrie.
            
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