Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

Arbeitskräfte zur Folge haben würde, erklärten die Industriellen mit 
großer Mehrheit, daß eine solche Maßnahme namentlich die Spinnerei 
schädigen würde, aber auch der Weberei in ihrer Exportfähigkeit 
schwere Fesseln anlegen würde. Ohne sich der Einsicht zu ver 
schließen, daß unter Umständen bei geringerer Arbeitszeit die Arbeits 
leistung eine größere wird, vertrat man die Meinung, daß in der 
Spinnerei ein solcher Ausgleich der Arbeitskürzung durch intensivere 
Arbeitsleistung deshalb so gut wie ausgeschlossen sei, weil bei der 
Vervollkommnung der Maschinen die Handarbeit keinen wesentlichen 
Einfluß auf die Leistung ausübe. Eher sei dies in der Weberei mög 
lich, und man habe auch schon hier und da von einem guten Erfolg 
der Arbeitsverkürzung zu berichten gewußt. Man müsse aber be 
denken, daß die deutsche Exportindustrie auf dem Weltmarkt mit 
Ländern in Wettbewerb zu treten habe, die noch ganz unbeschränkte 
Arbeitszeit, teilweise sogar Tag- und Nachtarbeit für Arbeiter, Ar 
beiterinnen und Kinder hätten, wie Italien, und nicht „durch die 
sozialpolitische Gesetzgebung belastet“ seien. Die Einführung des 
zehnstündigen Maximalarbeitstages könne daher nur auf dem Wege 
einer internationalen Vereinbarung geregelt werden. Daß die Fabri 
kanten sich durch die Fürsorge des Reichs für die Arbeiter nur be 
lastet fühlen, ist sicherlich eine etwas kurzsichtige Auffassung. Denn 
wenn uns auch die Arbeiterschutzgesetze anderen Ländern gegenüber 
zunächst benachteiligen, so muß man doch bedenken, daß am letzten 
Ende noch immer das Land über ein anderes den Sieg davonge 
tragen hat, das am weitesten in der Humanität fortgeschritten war. 
Der Streik der Weber in Crimmitschau, der noch in aller Erinne 
rung lebt, hätte nicht so große Dimensionen gewinnen können, wenn 
die Fabrikanten im Anfänge Verständnis für die Forderungen der 
Weber, die eben hauptsächlich die Einführung des Zehnstundentages 
im Auge hatten, gezeigt hätten. Allerdings späterhin, als die Weber 
es darauf anlegten, eine Probe von der Macht der Sozialdemokratie 
zu geben, wäre ein Nachgeben der Fabrikanten verfehlt gewesen. 
Der Crimmitschauer Streik war der einzige große Streik im bis 
herigen Leben der deutschen Baumwollindustrie. Sonderbar, daß ge 
rade er sich zu einer sozialdemokratischen Kundgebung auswachsen 
mußte und den Zusammenschluß der Unternehmer im deutschen 
Arbeitgeberverband herbeiführte! Übrigens erinnert F. v. Rotten 
burg mit Recht daran, daß in England, als am 8 Juni 1847 die be 
rühmte Zehnstundenbill erlassen wurde, die Arbeitgeber den Ruin der 
ganzen Industrie voraussagten*). Ihre Prophezeiung ist nicht ein- 
1) F. v. Rottenburg, Die Kartellfrage in Theorie und Praxis. Leipzig 1903, S. 51.
	        
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