Dichtung.
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lich. Der andere dagegen ist weich, und darum unterliegt er.
Die einzelnen Phasen dieses langsamen Unterliegens schildert
das Stück. Nicht als ob in dessen Verlauf eine Anderung des
Charakters Henschels erfolgte. Der tiefere Grund seines Wesens
bleibt. Schon im ersten Akt ist er ein sorgloser und doch wieder
in delikaten Fragen übergewissenhafter, etwas hypochondrisch
angelegter Mann, der schon nach kleinen Schicksalsschlägen ge—
legentlich an den Strick denkt. Aber was sich ändert, das ist
die Konstellation der Grundeigenschaften seines Wesens; lang—
sam verschwinden die frohen, lebenspendenden, und die verhäng⸗
nisvollen, verderblichen treten hervor. Es ist, wie wenn der
Himmel sich überzieht, erst leise, dann drohend, um sich schließ—
lich im Blitzschlag zu entladen. Und diesen Prozeß hat der
Dichter mit aller Kunst dramatisch-impressionistischer Schilderung
vorgeführt. Dabei ist doch andrerseits die Schilderung des
Zuständlichen, des Milieus der Fuhrmannswohnung, des Hotel—
lebens, des Kneipwirtsdaseins und der Gaststube völlig fest—
gehalten, und weitere Blicke fallen darüber hinaus auch auf das
handwerkliche Dasein eines kleinen Badeortes. Psychologisches
und Zustandsdrama zugleich, so könnte man „Fuhrmann
Henschel“ nennen.
Wird diese Verbindung bei Hauptmann fortdauern? Wird
sie dem rein psychologischen Drama weichen?
Das neueste Drama Hauptmanns, „Michael Kramer“ (1900),
erteilt hierauf einstweilen allein die Antwort. Sein Inhalt
ist mit zwei Worten erzählt: ein Maler, Lehrer an der Kunst—
schule einer Provinzialhauptstadt — deutlich ist im Stiücck
Breslau gekennzeichnet —, hat einen ungeratenen Sohn, und
dieser geht zu Grunde. Was das Stück uns giebt, ist zunächst
die Schilderung gewisser Milieus: der Familie wie der
Schülerschaft des Malers, letzteres vergegenwärtigt durch seine
Tochter und einen begeisterten männlichen Schüler von außer—
halb, der mit seiner Frau zugleich das allgemeine Milieu
modernen Malerelends repräsentiert, endlich des Kneipmilieus,
in dem der Sohn verkehrt. Aber alle diese Milieus sind doch
naur Mittel zu einem einzigen Zweck: zur Kontrastierung von