Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
361] 
lich. Der andere dagegen ist weich, und darum unterliegt er. 
Die einzelnen Phasen dieses langsamen Unterliegens schildert 
das Stück. Nicht als ob in dessen Verlauf eine Anderung des 
Charakters Henschels erfolgte. Der tiefere Grund seines Wesens 
bleibt. Schon im ersten Akt ist er ein sorgloser und doch wieder 
in delikaten Fragen übergewissenhafter, etwas hypochondrisch 
angelegter Mann, der schon nach kleinen Schicksalsschlägen ge— 
legentlich an den Strick denkt. Aber was sich ändert, das ist 
die Konstellation der Grundeigenschaften seines Wesens; lang— 
sam verschwinden die frohen, lebenspendenden, und die verhäng⸗ 
nisvollen, verderblichen treten hervor. Es ist, wie wenn der 
Himmel sich überzieht, erst leise, dann drohend, um sich schließ— 
lich im Blitzschlag zu entladen. Und diesen Prozeß hat der 
Dichter mit aller Kunst dramatisch-impressionistischer Schilderung 
vorgeführt. Dabei ist doch andrerseits die Schilderung des 
Zuständlichen, des Milieus der Fuhrmannswohnung, des Hotel— 
lebens, des Kneipwirtsdaseins und der Gaststube völlig fest— 
gehalten, und weitere Blicke fallen darüber hinaus auch auf das 
handwerkliche Dasein eines kleinen Badeortes. Psychologisches 
und Zustandsdrama zugleich, so könnte man „Fuhrmann 
Henschel“ nennen. 
Wird diese Verbindung bei Hauptmann fortdauern? Wird 
sie dem rein psychologischen Drama weichen? 
Das neueste Drama Hauptmanns, „Michael Kramer“ (1900), 
erteilt hierauf einstweilen allein die Antwort. Sein Inhalt 
ist mit zwei Worten erzählt: ein Maler, Lehrer an der Kunst— 
schule einer Provinzialhauptstadt — deutlich ist im Stiücck 
Breslau gekennzeichnet —, hat einen ungeratenen Sohn, und 
dieser geht zu Grunde. Was das Stück uns giebt, ist zunächst 
die Schilderung gewisser Milieus: der Familie wie der 
Schülerschaft des Malers, letzteres vergegenwärtigt durch seine 
Tochter und einen begeisterten männlichen Schüler von außer— 
halb, der mit seiner Frau zugleich das allgemeine Milieu 
modernen Malerelends repräsentiert, endlich des Kneipmilieus, 
in dem der Sohn verkehrt. Aber alle diese Milieus sind doch 
naur Mittel zu einem einzigen Zweck: zur Kontrastierung von
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.