Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 323
der ganze Streit ziemlich wirr verlaufen, und in dem all—
gemeinen sachlichen Wirrwarr mußten schließlich persönliche
Momente überwiegen, — natürlich zu ungunsten der im tiefsten
UÜberwundenen, Gottscheds und seines Anhanges. Doch ist hier
nicht der Ort, so wie es überhaupt keine historische Auf—
gabe höheren Stiles ist, die Einzelheiten dieses Streites dar—
zustellen. Wenige Worte über ihn werden genügen. Die
Auseinandersetzung begann im Grunde schon im Jahre 1721
mit dem Erscheinen der schweizerischen Zeitschrift „Die Dis—
curse der Mahlern“, wenn auch hier bei den Schweizern selber
die rationalistisch-individualistische Auffassung der Dichtung
noch durchaus im Vordergrunde stand; sie wurde weiter ge⸗
fördert gelegentlich Bodmers Übersetzung des Miltonschen
„Paradieses“ (1732), und sie wurde akut mit dem Erscheinen
von Breitingers „Kritischer Dichtkunst“ im Jahre 1740, einem
Buche, das, ohne Gottsched zu nennen, seine Prinzipien
aufs entschiedenste und nicht ohne sie verächtlich zu machen
angriff.
Und das Unglück wollte für Gottsched, daß sich etwa gleich⸗
zeitig mit dem Erscheinen dieses Buches auch die üblen Folgen
einer mehr als zehnjährigen literarischen Diktatur, die er über
Deutschland in Anspruch genommen hatte, und der seine
zeistigen Kräfte bei aller Energie nicht gewachsen waren, zu
dußern begannen: auf dem eigensten Gebiete seiner Tätigkeit,
auf dem der dramatischen Reform, wurde er angegriffen.
Und zwar von der Neuberin. Diese energische Theater⸗
direktorin, die sich von Gottsched verletzt glaubte, brachte ihn
und seinen Streit mit den Schweizern in seiner Gegenwart zu
Leipzig selbst mit einem für Gottsched keineswegs schmeichel⸗
haften Erfolge auf die Bühne (1741). Und der szenische
Skandal wurde dann durch Rostens und Pyras Schriften
(„Das Vorspiel“ 1742; „Erweis, daß die G. tsch. dianische
Sekte den Geschmack verderbe“, 1748) mindestens für Mittel⸗
deutschland zu einem literarischen erweitert, und diesem folgte
1744 die Sezession einer Anzahl jüngerer Dichter, die sich
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