Full text: Die Entwicklung der Weißgerberei

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für die Theorie mag daraus geschlossen werden, daß seine Ansichten 
damals in alle Lehrbücher übergingen x ), aber weniger glücklich als sein 
großer Vorgänger Seguin war er in seinen praktischen Erfolgen. Er 
sparte keine Mühe, um die neuen Methoden den Praktikern mund 
gerecht zu machen, er stellte Kostenvoranschläge auf, führte Kosten 
berechnungen durch, in einer großen Sohlledersabrik zu St. Petersburg 
wurden Versuche in großartigstem Maßstabe mit Eisensalzen und Blut 
durchgeführt, man darf heute wohl auch die Verbreitung der Knapp- 
schen Ansichten durch alle größeren Lehrbücher als eine der feinsten 
und großartigsten Reklamen bezeichnen, welche je die Naturwissenschaft 
für eine praktische Methode gemacht hat; noch vor 15 20 wahren 
war Knapp eine Parole von hoher Bedeutung, allein seine Methoden 
vermochten sich in der Praxis nicht durchzuringen, das mit ihnen ge 
gerbte Leder erlangte keine verkäuflichen Qualitäten, und seine theore 
tischen Anschauungen sind, wenn auch nicht verlassen, so doch durch die 
moderne physikalische Chemie besonders für die Fälle kompliziert kon 
stituierter Gerbstoffe so gründlich umgebildet worden, daß nicht viel 
davon übrig geblieben ist. 
Für den speziellen Fall der Theorie der Sämischgerberei war 
man zu der Ansicht gelangt, daß eine Oxydation des Fettüberzuges 
der Faser beim Walken sowie beim Färben in der Braut Platz greise, 
während man für die Weißgerberei erkannt hatte, daß die eine Zeit 
lang gehegte Vermutung einer Umsetzung des Alauns mit dem Koch 
salz zu Chloraluminium der Wirklichkeit nicht entspreche, sondern daß 
unter Spaltung des Alauns und unter Hinterlassung eines alkalischen 
Sulfates nur die schwefelsaure Tonerde an die Faser der Haut abge 
geben werde. Eine derartige Auffassung der Weißgerberei trat wie 
eine plötzliche unerwartete Verstärkung als mächtiger Kampfgenosse ein 
in den Kampf des künstlichen Aluminiumsulfates gegen den an sich 
schon hart bedrängten Alaun; das Aluminiumsulfat war, wie wir ge 
sehen haben, schon in der Herstellung billiger als der Alaun, dazu der 
höhere Gehalt, weiter die analoge theoretische Betrachtungsweise für 
Färberei (wo der Alaun eine wichtige Rolle als Beize spielt), und 
Gerberei, die ungeheure Autorität Knapps, die aufblühende Farben 
industrie, deren Existenz immer von dem Problem billigster Roh- und 
und Hilfsstoffe abhing, das Eindringen dieses ganzen neuen Geistes in 
die Technik, das ausblühende Reklamewesen besonders auch durch 
Reisende, das alles gab dem Alaun den Todesstoß; er hielt sich wegen 
seiner besseren Kristallisierbarkeit, was wiederum eine größere Reinheit 
zur Folge hatte, in Färberei und Gerberei hauptsächlich noch für 
weiße und helle Nuancen. 
y Vgl. z. V. Wagner 1873, S. 205. 
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