552 Zweiundzwanzigstes Buch
Nirgends wunderbarer, überraschender, sozusagen neuer als in
den Gestalten des Harfners und Mignons. Welche Farben
werden hier lebendig: süßeste Sehnsucht, namenloses Hoffen,
pathetische Innigkeit, graue Melancholie — und schließlich wort—
karger Schmerz und tiefste schweigende Erschütterung. Nicht
minder wunderbar, vielleicht wunderlich erscheint es, daß das
Schicksal des Helden durch die geheimnisvolle Gesellschaft des
Turmes geleitet wird: ein sinnbildlicher Zug offenbar, eine
Verkörperung wohlwollender transzendenter Führung, eine
Theodicee des menschlichen Geschickes. Es sind romantische
Züge: und man sieht hier einmal deutlich, wie leicht sie sich
aus dem Typisierungsdrange des Idealismus entwickeln konnten,
sobald dieser ins Allegorische und damit wohl auch ins un—
mittelbar Mystische gesteigert wurde.
Es ist der zweite bemerkenswerte Zug an den Lehrjahren
Wilhelm Meisters: weist der Roman seinem Inhalte nach in
einer Perspektive von mehr als zwei Geschlechtern unmittelbar
auf den realistischen Sozialroman des 19. Jahrhunderts hin,
so wird er durch seine Form zu einem Vermittler aus dem
literarischen Zeitalter des Klassizismus hinein in die unmittel—⸗
bar folgende, ja um 1800 längst schon blühende Zeit der
Romantik.
Goethe aber hatte sich auch mit dieser Ausgestaltung des
Romans noch nicht genug getan. Erst in einem bei weitem
geschlosseneren Kunstwerke, als es „Wilhelm Meister“ ist, einer
Dichtung, die in ihrer dramatischen Spannung zugleich den
höchsten Anforderungen der Novelle gerecht wird, in den „Wahl⸗
verwandtschaften“, hat er, wenige Jahre nach dem Tode
Schillers, die Summe seiner erzählenden Kunst gezogen. Die
„Wahlverwandtschaften“ sind ein Ehebruchsroman, und schon
insofern gehören sie der um 1800 noch völlig neuen Strömung
des sozialpsychologischen Romans an. Während aber der Ehe—
bruchsroman, eine der frühesten und, bei den sitten- und sozial—
geschichtlichen Problemen des 19. Jahrhunderts, hartnäckigsten
Formen des sozialpsychologischen Romanes, von der Mehrzahl
der Dichter, die ihn pflegten, von den Kotzebue, Lafontaine