837). Die amerikanischen, australischen, franzöfischen, deutschen Gewerkvereine. 399
wesen, keine Schiedsgerichte von dauerndem Einfluß zugelassen. In den letzten
s Jahren jedoch scheint ein großer und gesunder Fortschritt eingetreten zu sein, ähnlich
wie in England; es sind auch glückliche Vereinbarungen mit einzelnen Unternehmer⸗
herbänden zustaude gekommen. Die Vorstände der großen Arbeiterverbände haben
Gehalte bis 20 000 Mark und Centralbureaus wie eine große Bank. Eine großartige
Zusammenfassung der organijsierten Arbeiter ist vor 1890 den sogenannten Rittern der
Arbeit (bis zu 700 000 RHtitgliedern), in dem letzten Jahrzehnt der Federation of labor
(bis 500 000, Dez. 1900) gelungen.
In Frankreich gab es bis 1860 nur geduldete, vielfach geheime Gesellenverbände,
von da an, noch mehr von 1872 an, begann eine langsame Bildung von Arbeiter—
jyndikaten; bis 1900 waren etwa 600 600 Arbeiter in den Arbeitervereinen, welche nach
dem Gesetz von 1884 registriert sind. Gewerkvereine, die den englischen glichen, sind
aber nur wenige vorhanden, hauptsächlich die der Buchdrucker und Hutmacher. Die
meisten übrigen werden von der socialiftischen, politisch revolutionären Bewegung und
bon Demagogen beherrscht, sind an dem inneren Hader der Arbeiterparteien und ihrer
ideologischen Streitsucht beteiligt; die meisten wechseln stark an Zahl und Personen;
an vielen Orten sind mehrere streitende Vereine desselben Berufes. Die halbrevolutio—
näre, halbutopische Frage des Generalausstandes wird immer wieder debattiert, die
Bergarbeiter fordern von der Regierung gesetzliche Reformen mit der Drohung des all⸗
gemeinen Streiks und suchen sich jür diesen Fall zu bewaffnen. Der arbeiterfreund⸗
siche Bourdeau sagt von den französischen Arbeitersyndikaten: fie find schwach, wenig
zahlreich; ihre gefüllten Kassen stehen unter Führern, die viel Eifer, aber wenig Er⸗
sahrung haben, die den Krieg um des Krieges, nicht um des Friedens willen begehren,
die Versöhnung von Arbeit und Kapital für unmöoglich halten, auf den Staat oder die
Revolution hoffen. Immer fehlt auch hier eine Wendung zum Besseren, eine Emanzi—
pation der Syndikate von den demagogischen Politikern, vor allem seit dem Kongreß
hon Rennes (1898) nicht. Während die belgischen Gewerkvereine, den letzten Jahr—
zehnten angehörig, 1900 etwa 80000-100 000 Personen umfassend, die Mitte zwischen
den englischen und franzöfischen halten, wird man von denen der südromanischen
Staaten sagen müssen, sie bildeten ein Mittelding zwischen verelendeten revolutionär⸗
joeialistischen Verschwörern und Gewerkschaften in unserem Sinne.
Iu Deutschland waren wie in Frankreich die Gesellenvereine und ihre interlokale
Verbindung nie ganz verschwunden. Aber nur der 1848 versuchte, 1869 —1866 infolge
der Gewerbefreiheit entstandene Verband der Buchdruckergehülfen knüpft direkt daran an.
Die von den politischen Parteien des Fortschritts und der Socialdemokratie 1868 1875
begründeten Gewerkvereine, von letzteren Gewerkschaften genannt, waren im wesentlichen
Nachahmungen der englischen Institution, überuahmen aber doch viel von den alten
Gesellentradtionen, und vis heute überwiegen in vielen die jüngeren, unverheirateten,
kampflustigen Arbeiter, im Gegensatz zu den älteren, verheirateten, besonneneren. Der
größere Tal der socialdemokratischen Vereine brach mit dem Socialistengesetz von 1878
susammen. Erst von 1888 —1888 an entstand eine neue stärkere Gewerkschaftsbewegung
und der Versuch ihrer Zusammenfafsung zu nationalen Verbänden; erst von 1820- 1800
erreichte die Bewbegung größere Bedeutung. Man hat geschätzt, es seien in sämtlichen Be—
rufsvereinen organisiert gewesen 1870 100 ooo, 18783 74 200 000 Arbeiter, dann 1878
bis 1882 etwa die Hälfte, 1889 318 000, 1900 850 000 fest und 620 000 halb organisierte
Arbeiter. Die ersteren wären 6,60/0, beide zusammen 11,80/0 der 12,8 Mill. deutscher
Arbeiter, oder 8,1 resp. 15,7 6/0 der männlichen. Von den 850000 fallen auf die
iocialdemokratischen Centralvereine etwa 600 006, auf die fortschrittlichen (Hirsch'schen)
Vereine 92 000, auf die christlichen Gewerkvereine 160000. Von den einzelnen Gewerk⸗
bereinen sind die größten 1900: die socialdemokratischen 100 000 Metallarbeiter, die
33 000 Maurer, die 26000 Zimmerer, dann die 80 000 Buchdrucker, endlich die 24000
Hirsch'jchen Maschinenbauer und Metallarbeiter.
Nee ie besschiedenen, sich bekämpfenden deutschen Spielarten der Gewerkvereine