Neue Dichtung.
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beinahe verwechseln lassen. Wenige Jahre darauf dagegen, seit
den „Kritischen Wäldern“ von 1769, folgte eine Schrift Herders
nach der anderen, in denen der Grund zu einer ganz anderen
Auffassung der Antike gelegt wurde.
Herder ging von vornherein vom universalhistorischen
Standpunkte aus. So hat er später in gleich lebhafter An—
erkennung der Bedeutung der altorientalischen und griechischen
Kultur äußern können!: „Wir nordischen Europäer wären
noch Barbaren, wenn nicht ein gütiger Hauch des Schicksals
uns wenigstens Blüten vom Geist dieser Völker herüber—
geweht hätte, um durch Einimpfung des schönen Zweiges in
wilde Stämme mit der Zeit den unseren zu veredeln.“ Und
in Erweiterung der hier nur den Mittelmeerkulturen geltenden
Betrachtung schwang er sich früh zu dem Ideale einer all—
gemein menschlichen Kultur überhaupt auf: und Bildung zur
Humanität ward ihm damit zum Grundinhalt aller Geschichte.
Bildung zur Humanität aber kann nach ihm nur erreicht
werden im freien Spiel menschlicher Kräfte: deutlich tritt
hier der Grundton gleichsam alles Seelenlebens des Sub—
jektivismus als für seine Anschauung bestimmend hervor, so
wie ihn zuerst, nicht ohne Rauheit, doch deutlich die Stürmer
und Dränger hatten vernehmen lassen. Wie aber das freie
Spiel menschlicher Kräfte regeln? Denn ohne Regelung —
das war der sittliche Fortschritt des Denkens gegenüber den
Unbilden des Sturmes und Dranges — keine Kultur, keine
Gesittung. In diesem Augenblick wandte Herder sein An—⸗
gesicht rückwärts den älteren Völkern, den Erziehern seiner
Nation von jeher zu: erkannte an, was die Deutschen ihnen
verdankten, und reichte den Hellenen als den besten aller Lehr—
meister zu Höherem die Palme. So kam er denn zu dem
besonderen Ideal einer neuen Bildung: es ist das freie Spiel
menschlicher Kräfte, zu erfassen am Ideal der Alten, vor allem
der Hellenen: denn „aus den Werken der Griechen spricht der
Dämon der Menschheit rein und verständlich zu uns“.
In den Ideen zur Philosophie der Gesch. der Menschheit VI, 2.
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