Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 199 
noch seltene Griechisch. Schon früh aber zeigte er sich vor allem 
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überall verliebt, von schwüler Sinnlichkeit, deren Ergüsse er mit 
eigenartiger Naivetät seinen Gedichten einverleibte; schon im 
Jahre 1487 ist er von Kaiser Friedrich in Nurnberg zum 
Dichter gekrönt worden. Darauf folgte ein neues Jahrzehnt 
unruhigen Wanderns von der Weichsel bis zum Rhein, kurzer 
Lehrthätigkeit an den verschiedensten Universitäten, gelehrten 
Stöberns nach klassischen Handschriften, und immer wieder— 
holter Versuche, die humanistischen Freunde in akademischen 
Verbindungen zu einigen. Erst gegen Schluß des Jahrhunderts 
endlich ließ sich Celtes an Wien fesseln, und hier, in dem be— 
wegten Treiben der Hochschule und des kaiserlichen Hofes, hat 
er leidlich ausgehalten, bis er, früh verlebt, im Jahre 1508 starb. 
Neben Celtes schrumpfen all die anderen fahrenden Enthu— 
siasten der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts, auch soweit 
sie Dichter waren, ins kleine zusammen. Männer, wie Jakob 
Locher (Philomusus) waren gewiß poetisch begabt, und nament⸗ 
lich Eobanus Hessus gebot über ein nicht unbedeutendes for— 
males Talent. Aber die Donquixoterie des junghumanistischen 
Denkens spricht sich zu deutlich bei ihnen aus; maßlos ist 
ihre gemachte Begeisterung, maßlos ihr Tadel. Die Schrift— 
stellerei wird ihnen zum unwahren Sport, und die hohlen 
Phrasen ihrer Gedichte sind Kupplerinnen, die sich an jeder— 
mann wenden, der Vorteil verspricht. Es ist ein Überschlagen 
der persönlichen Souveränetät in wüste Willkür. 
Mehr Halt besaßen unter dieser Generation fast nur die 
nun schon nicht mehr seltenen Herren vom Adel, die sich 
humanistischen Studien widmeten. Bei ihnen wird die 
Begeisterung der Antike gekühlt im Born eines gefestigten 
nationalen Empfindens; zur Ungabhängigkeit gefestet durch 
außere Stellung oder aristokratische Sicherheit des Denkens 
gehen sie durchs Leben, die deutschesten Vertreter des Hu—⸗ 
manismus. 
Der Glücklichste in dieser Gruppe war vielleicht der Graf 
von Neuenahr (1491 - 1530), seit 1524 Dompropst zu Köln
	        
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