Full text: Die Heimarbeit im Kriege

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punkten wohl rechtfertigen läßt, handelt, so sind die Versuche, ge 
wisse technisch rückständige oder dem vernichtenden Wettbewerb eines 
mit niederen Lohnen arbeitenden Auslandes ausgesetzten Gewerbe 
künstlich zu erhalten, ja wiederzubeleben oder neu einzuführen, tve- 
sentlich anders zu beurteilen. Besonders bemüht man sich neuer 
dings, die Industrie der echten Spitze und die Hausweberei zu 
neuem Leben zu erwecken. Kennzeichnend ist, daß sich bei diesen 
Bestrebungen zu den sozialen vielfach romantisch! gefärbte und 
ästhetische Beweggründe gesellen. Diese Verquickung von wirt 
schaftlichen und Gefühlsmomenten ist der klaren Erkenntnis der 
Dinge nicht zugute gekommen und hat namentlich das breite Laien 
publikum, das immer' stärker auf Gefühls- als auf Verstandesre 
gungen zu reagieren Pflegt, häufig irregeführt. Die oft halb chari- 
tative Form des Vertriebs, das Anrufen käufermoralischer und so 
zialer Regungen der Verbraucher, die zum Teil gesellschaftlich ein 
flußreiche Stellung der Förderer dieser Industrien verbreiten einen 
durch die Tatsachen nicht gerechtfertigten Optimismus. 
Die Lage und Aussichten der Industrie der echten 
Spitze lassen sich dahin charakterisieren, daß bei dem steigenden 
Wohlstände vor dem Krieg und der Verfeinerung des Geschmacks, 
begünstigt durch die Moderichtung, ein wachsender Bedarf an schö 
nen echten Spitzen zu verzeichnen war. Auch während des Krieges 
ist der Bedarf nur vorübergehend gesunken, um sich dann schnell 
wieder zu heben, eine Erscheinung, die die Spitzenindustrie mit an 
deren Luxusindustrien teilt und die augenscheinlich damit zusam 
menhängt, daß zahlreiche Personen, die im Kriege reich geworden 
sind, sich nun „neu einrichten". Wer diese augenblicklich günstige 
Lage darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Zukunftsaussichten 
wesentlich unerfreulicher sind. Das Katzengold der Kriegsgewinne, 
das heute zahlreiche Spitzenarbeiterinnen in Arbeit setzt, wird nicht 
lange vorhalten, und wir müssen mit einiger Sicherheit nach dem 
Kriege auf lange Zeiten der Depression rechnen, unter denen die 
Luxusgewerbe besonders leiden werden. Einen Ersatz für die Ein 
schränkung des heimischen Marktes kann Amerika bieten, wo der 
Verbrauch von Luxuswaren voraussichtlich für lange Zeit recht er-
	        
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